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Welt-Aids-Tag
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»Es gibt viel Ehrfurcht vor HIV in Apotheken«

Die PZ besuchte eine Apotheke mit HIV-Schwerpunkt. Für das Apothekenteam sind emotionale Geschichten Alltag. Wie läuft die Beratung ab und was wünschen sie sich von der Politik?
AutorKontaktAlexandra Amanatidou
Datum 28.11.2025  18:00 Uhr
Mehr Fortbildungen für Apotheken im Bereich HIV

Mehr Fortbildungen für Apotheken im Bereich HIV

Ein weiteres Thema ist laut dem Apotheker eine mangelnde Fortbildung zum Thema Infektiologie für die öffentlichen Apotheken. Der SPD-Politiker Serdar Yüksel, dessen Schwerpunkt unter anderem HIV-Infektionen sind, wünscht sich, dass die Politik die Apotheken künftig noch stärker befähigt und unterstützt, »zum Beispiel durch gezielte Fortbildungen, klare Vergütungsstrukturen und eine engere Einbindung in Präventions- und Versorgungsnetzwerke«.

Tatsächlich ist das Angebot jedoch nicht sonderlich groß. Hofmann, sowie die meisten HIV-Schwerpunkt Pharmazeuten, erlangte sein Wissen selbst, indem er im Laufe der Jahre Fortbildungen, Konferenzen und Workshops besuchte. Die meisten davon waren für die Ärzteschaft konzipiert. »Die Szene ist aber offen genug. Auch als Pharmazeut ist man dort herzlich willkommen.«

Der Verein Deutsche Arbeitsgemeinschaft HIV- und Hepatitis-kompetenter Apotheken, kurz DAH²KA, versucht, das Angebot zu erweitern, bietet Fortbildungen in diesem Bereich an und verpflichtet die Mitglieder auf Qualitätsstandards. Hofmann selbst zählt zum pharmazeutischen Beirat des Vereins. Dem Netzwerk gehören aktuell deutschlandweit 84 Apotheken an, darunter auch die Witzleben-Apotheke. Das ist eine sehr überschaubare Zahl, wenn man bedenkt, dass es hierzulande rund 16.700 Apotheken gibt und HIV-Betroffene nicht nur in den Großstädten wohnen.

Diskriminierung von HIV-Patientinnen und -Patienten

Laut der im Jahr 2021 erschienenen Studie »Positive Stimmen 2.0« der Deutschen Aidshilfe (DAH) und des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) erleben 56 Prozent der HIV-Patientinnen und -Patienten Diskriminierung im Gesundheitswesen. Ein Teil von ihnen (16 Prozent) berichtete sogar, dass ihnen mindestens einmal eine zahnärztliche Versorgung verweigert wurde. 8 Prozent berichteten von ähnlichen Fällen bei allgemeinen Gesundheitsleistungen.

Ein weiterer Bereich, in dem HIV-Patientinnen und -Patienten Diskriminierung erfahren könnten, ist die elektronische Patientenakte (ePA). Das Argument lautet, dass jede Person im Gesundheitswesen eine HIV-Diagnose im System sehen könnte. Der Verein Deutsche Aidshilfe beklagt, dass der selbstbestimmte Umgang mit Gesundheitsinformationen zu kompliziert ist. Sensible Informationen könnten auch durch die Medikationsliste bekannt werden, die sowohl für Apotheken als auch für Praxen einsehbar ist.

Laut Manuel Hofmann, Referent für Digitalisierung bei der Deutschen Aidshilfe, hätten HIV-Schwerpunktpraxen berichtet, dass sie auf Wunsch von Patientinnen und Patienten die HIV-Medikamente wieder als Papierrezept ausstellen, um zu vermeiden, dass die HIV-Infektion über die Medikationsliste innerhalb des Gesundheitswesens bekannt wird. Dies geht aus einer Anfrage der PZ hervor.

Eine diskrete Beratung auf Augenhöhe, wie die der Witzleben-Apotheke, könnte positiv dagegen wirken. Für den Linken-Politiker Ates Gürpinar sollte »die Beratung in Apotheken zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen ein zentraler Bestandteil einer modernen, diskriminierungsfreien Versorgung sein«. Dies teilte er der PZ auf Anfrage mit. 

Laut Pharmazeut Hofmann wissen die meisten Apothekerinnen und Apotheker, dass HIV kein »Todesurteil«, sondern mittlerweile eine gut behandelbar chronische Infektion ist. »Trotzdem gibt es noch sehr viel Ehrfurcht vor dem Thema«, sagt er.

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