| Annette Rößler |
| 08.04.2026 08:00 Uhr |
T-Zellen können Krebszellen erkennen und abtöten. Mitunter tarnen sich die Krebszellen jedoch, indem sie PD-1 überexprimieren. / © Getty Images/Juan Gärtner/Science Photo Library
Das Analkarzinom ist mit einer Inzidenz von 1 bis 2 pro 100.000 ein relativ seltener Tumor. Eine Infektion mit Hochrisikotypen des Humanen Papillomavirus (HPV), insbesondere HPV 16, ist der wichtigste Risikofaktor für die Entstehung dieser Tumorart. Mehr als 90 Prozent der Patienten mit einem Analkarzinom leiden an einem Plattenepithelkarzinom des Analkanals (SCAC). Die Therapie besteht abhängig von der Lokalisation und dem Stadium der Erkrankung aus einer Operation, Radiotherapie und/oder einer Radiochemotherapie.
Das Merkelzellkarzinom (MCC) ist ein seltener, bösartiger Hauttumor, der bevorzugt im Kopf-/Halsbereich an Stellen auftritt, die viel dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Der Tumor hat eine rötlich-violette Färbung sowie eine kugelige Form mit glatter, glänzender Oberfläche und zeigt meist ein schnelles Wachstum. Die Inzidenz beträgt etwa 0,2 bis 0,3 pro 100.000. Das mittlere Alter bei Diagnosestellung beträgt circa 75 Jahre.
Für Betroffene mit SCAC oder MCC steht mit Retifanlimab (Zynyz® 500 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Incyte) ein neuer Checkpoint-Inhibitor zur Verfügung. Der monoklonale Antikörper bindet an den Programmed-Cell-Death-1-(PD-1-)Rezeptor und verhindert, dass die Liganden PD-L1 und PD-L2 an den Rezeptor binden können. Dadurch wird die von den Tumorzellen induzierte Hemmung der T-Zell-Funktion aufgehoben und die gegen den Tumor gerichtete Aktivität der T-Zellen potenziert.
Bei SCAC wird Retifanlimab in Kombination mit Carboplatin und Paclitaxel zur Erstlinienbehandlung von erwachsenen Patienten mit metastasiertem oder inoperablem, lokal rezidivierendem Tumor angewendet. Bei MCC erfolgt die Anwendung als Monotherapie als Erstbehandlung von erwachsenen Patienten mit metastasierter oder rezidivierender, lokal fortgeschrittener Erkrankung, wenn der Tumor nicht für eine kurative Operation oder Strahlentherapie geeignet ist.
Retifanlimab wird als intravenöse Infusion über 30 Minuten gegeben. Die empfohlene Dosis beträgt 500 mg alle vier Wochen. Patienten mit SCAC erhalten zunächst über sechs Zyklen zusätzlich Carboplatin/Paclitaxel, bevor Retifanlimab dann als Monotherapie weitergeführt wird. Die Gesamtdauer der Therapie beträgt beim SCAC ein Jahr und beim MCC bis zu zwei Jahre, falls nicht ein Fortschreiten der Erkrankung oder eine inakzeptable Toxizität eine vorzeitige Beendigung der Therapie notwendig machen.
Wie von anderen Checkpoint-Inhibitoren bekannt, sind immunbedingte Nebenwirkungen die wichtigsten unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW). Sie können in jedem Organ oder Gewebe auftreten, auch in mehreren gleichzeitig, und sowohl während der Therapie als auch nach dem Absetzen. Immunbedingte Nebenwirkungen können tödlich verlaufen. Es ist daher wichtig, dass der Patient potenzielle Anzeichen erkennt und bei deren Auftreten unverzüglich den Arzt aufsucht. Wichtige Informationen dazu sind in einer Patientenkarte zusammengefasst.
Die Wirksamkeit und Sicherheit von Retifanlimab beim SCAC wurde in der Phase-III-Studie POD1UM-303/InterAACT-2 nachgewiesen. Von den 308 teilnehmenden Patienten erhielt die Hälfte Carboplatin/Paclitaxel plus Retifanlimab und die andere Hälfte die Chemotherapie plus Placebo. Der primäre Wirksamkeitsendpunkt war das progressionsfreie Überleben (PFS), der wichtigste sekundäre Endpunkt das Gesamtüberleben (OS). Mit einem medianen PFS von 9,3 versus 7,4 Monaten und einem medianen OS von 32,8 versus 22,2 Monaten konnte in beiden Kategorien eine Überlegenheit für Carboplatin/Paclitaxel plus Retifanlimab gegenüber der alleinigen Chemotherapie nachgewiesen werden.
Beim MCC wurde Retifanlimab in der offenen, einarmigen Studie POD1UM-201 mit 101 Patienten untersucht. In dieser Studie lag die objektive Ansprechrate bei 53,5 Prozent und die Dauer des Ansprechens median bei 25,3 Monaten.
Die häufigsten UAW von Retifanlimab waren Ermüdung/Fatigue, Ausschlag, Diarrhö, Anämie, Juckreiz, Gelenkschmerzen, Verstopfung, Übelkeit, Fieber und verminderter Appetit. Bei der Anwendung in Kombination mit Carboplatin/Paclitaxel traten als häufigste UAW Neutropenie, Juckreiz, Ausschlag, Lymphopenie, Hypothyreose und ein Anstieg der Alaninaminotransferase auf. Die häufigsten schwerwiegenden UAW waren sowohl bei der Anwendung als Monotherapie als auch in Kombination mit Chemotherapie immunbedingte Nebenwirkungen.
Die Anwendung von Retifanlimab kann das Risiko der Abstoßung eines transplantierten Organs erhöhen, weshalb sie bei diesen Patienten besonders abgewogen werden muss. In der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird die Anwendung nicht empfohlen. Für die kurze Dauer, in der IgG in der Stillzeit in die Muttermilch übergehen, muss eine Entscheidung darüber getroffen werden, ob das Stillen zu unterbrechen ist oder ob auf die Behandlung mit Retifanlimab verzichtet werden soll.
Zynyz soll bei 2 bis 8 °C im Kühlschrank und in der Originalverpackung gelagert werden.
Mit Retifanlimab kam in diesem Jahr bereits der zweite Checkpoint-Inhibitor in den Handel. Während Toripalimab ein Analogpräparat ist, spielt Retifanlimab eine Liga höher und darf vorläufig als Schrittinnovation bezeichnet werden.
Diese Einstufung geschieht nicht wegen des Wirkprinzips. Denn das ist kein neues: Checkpoint-Inhibitoren beziehungsweise gegen den PD-1-Rezeptor gerichtete Antikörper gibt es inzwischen einige. Auch eines der Indikationsgebiete von Retifanlimab bringt keinen besonderen Fortschritt. Für die Therapie des Merkelzellkarzinoms gibt es mit Avelumab bereits seit geraumer Zeit einen anderen Checkpoint-Inhibitor. Anders als Avelumab wird Retifanlimab aber nur alle vier statt alle zwei Wochen appliziert, was ein kleiner Vorteil ist.
Die Eingruppierung bei den Schrittinnovationen erfolgt aufgrund des zweiten zugelassenen Anwendungsgebietes: Retifanlimab ist die erste Immuntherapie-basierte Erstlinientherapie für das fortgeschrittene Plattenepithelkarzinom des Analkanals. In dieser Indikation bestand bisher ein besonders hoher medizinischer Bedarf für neue Therapieoptionen. Die POD1UM-303-Studie mit Retifanlimab zeigte, dass der Antikörper plus Standardchemotherapie das progressionsfreie Überleben signifikant verbessern und das Gesamtüberleben um fast ein Jahr verlängern kann.
Sven Siebenand, Chefredakteur