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Verschickungskinder
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Erholungskur mit Spätfolgen

Zur Erholung wurden in den 1960er- und 70er-Jahren zahlreiche Kinder im Grundschulalter alleine in Kuren verschickt. Viele von ihnen erlebten diese Zeit als sehr belastend, haben aber jahrzehntelang kaum darüber gesprochen. Eine Initiative von Betroffenen engagiert sich nun in der Aufarbeitung.
AutorKontaktAngela Kalisch
Datum 30.11.2020  07:00 Uhr

Das Reizklima am Meer, die frische Luft und die grünen Wiesen in den Bergen – man glaubte den Kindern etwas Gutes zu tun, als man sie auf ärztlichen Rat hin ganz allein in eine Erholungskur schickte. Doch die Zeit im Kurheim ist bei vielen »Verschickungskindern« noch heute mit belastenden Erinnerungen verbunden. Die wochenlange Trennung von den Eltern und die strengen Erziehungsmethoden und demütigenden Strafen in den Heimen haben Spuren hinterlassen.

Die Pharmazeutin Sylvia Wagner konnte zudem nachweisen, dass es in Einzelfällen zu medizinisch nicht indizierten Medikamentengaben gekommen sein muss, vor allem mit Beruhigungsmitteln, um heimwehkranke Kinder zu sedieren. Welche Dimension das Thema hat, wird erst allmählich sichtbar durch eine Initiative, die sich vor etwa einem Jahr gegründet hat. Hier haben sich die Verschickungskinder vernetzt, erzählen ihre Geschichte und recherchieren gemeinsam und mithilfe von Experten zu den Hintergründen. Auf der Nordsee-Insel Borkum, in einem der ehemaligen Kurorte, sollte am vergangenen Wochenende ein mehr­tägiger Kongress der Initiative statt­finden. Aus Infektionsschutzgründen musste kurzfristig auf eine Online-Konferenz ausgewichen werden, die am 21. November stattfand. Stress­forscherin Ilona S. Yim, Professorin für Psychologie an der University of California, referierte im Rahmen dieser Veranstaltung über mögliche Langzeitfolgen von Stress in der Kindheit.

Verdrängte Erinnerungen

Laut Yim ist das Stress­system bei Kindern noch in der Entwicklung und deshalb kaum in der Lage, alleine mit Angst auslösenden Ereig­nissen umzugehen. Die Erholungskuren können als Stresssituation betrachtet werden, die mehrere Wochen andauerte, was die Kinder weder zeitlich noch emotional einordnen konnten. Auch nach dem Ende der Kur war der Stress für die Kinder nicht sofort vorbei. Viele empfanden einen tiefen Vertrauensverlust, weigerten sich zu sprechen und versuchten, das Erlebte zu verdrängen. Erinnerungen an den Aufenthalt oder Bilder können somit auch ­viele Jahre später noch heftige Reaktionen hervorrufen.

Als mögliche gesundheitliche Folgen einer nicht adäquat verarbeiteten Stresssituation der Kindheit nennt Yim vor allem Depressionen und Angst­störungen, aber auch Adipositas und eine generell erhöhte Morbidität im Erwachsenen­alter. Langzeitfolgen im psychosozialen Bereich äußern sich laut Yim durch Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen und sich vertrauensvoll auf intime Beziehungen einzulassen.

Zum Abschluss ihres Vortrags betonte Yim allerdings, dass es sich nicht um kausale Zusammenhänge handelt und nicht jede seelische Verletzung in der Kindheit zu den geschilderten Langzeitstörungen führen muss. Anders als bei schweren Traumen, wie beispielsweise durch Krieg oder sexuelle Gewalt, gebe es vielmehr auch die Chance, die negativen Erlebnisse in etwas umzuwandeln, das die Psyche sogar stärken kann.

Kinderfeindliche Orte

Für viele Betroffene ist es nicht einfach, wieder mit den verdrängten Kindheitserinnerungen konfrontiert zu werden. Der Bedarf nach Austausch ist riesig, die Vernetzung ist deshalb ein wichtiger Aspekt der Arbeit der Initiative. Ein weiteres Ziel ist es, auf der Basis der zahlreichen individuellen Biografien die Hintergründe der Verschickungsindustrie aufzudecken und diese in ­einen historischen und gesellschaft­lichen Kontext zu stellen. Auf der Web­site der Initiative sind bereits etwa 2000 Berichte zusammengekommen. Die erinnerten Erlebnisse aus den verschiedenen Heimen weisen so starke Ähnlichkeiten auf, dass auf ein gemeinsames Konzept für die pädagogische Arbeit in den Kinderkurheimen geschlossen werden muss. Dass hier vereinzelt noch ein von der NS-Ideologie geprägter Umgang mit Kindern praktiziert wurde, ist unschwer zu erkennen.

So schrieb der Kinderarzt Sepp Folberth noch im Jahr 1964 ein Standardwerk zu den Erholungskuren, das sich aus heutiger Sicht wie die Anleitung zur Errichtung eines kinderfeindlichen Ortes liest. Und auch die Erziehungsratgeber der Lungenärztin Johanna Haarer, erstmals erschienen 1936, wurden noch bis Anfang der 1980er-Jahre neu aufgelegt, wenn auch nach dem Krieg von den Passagen bereinigt, die allzu offensichtlich den National­sozialismus verherrlichten.

»Fertig ist der Haustyrann«

Die Autorin Sigrid Chamber­lain, die auch als Expertin in der Inititative der Verschickungskinder mitarbeitet, hat in einem sehr lesenswerten Buch die Ratgeber von Johanna Haarer analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass deren pädagogische Konzepte noch viele Genera­tionen in Fragen der Kindererziehung geprägt haben. Haarers Ratgeber wurden in der Ausbildung von Säuglingskrankenschwestern herangezogen, die ihr Wissen wiederum an junge Mütter weiter­gaben. Folgt man den Empfehlungen Haarers, geht es beim Umgang mit Kindern von Anfang an um eine Kraftprobe, die die Mutter um jeden Preis gewinnen muss: auf das Weinen des Babys dürfe keinesfalls mit Herumtragen und Wiegen reagiert werden, denn »das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr (…) und der kleine aber unerbittliche Tyrann ist fertig. (…) Nach wenigen Nächten (…) hat das Kind begriffen, daß ihm sein Schreien nichts nützt und ist still« (zitiert nach Chamberlain).

Auch die Kinder der Nachkriegs­generation sind noch mit Teilen dieser Ideologie aufgewachsen, zumeist ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass noch in den 1970er-Jahren Eltern und Ärzte einen normalen Vorgang darin sahen, kleine Kinder über mehrere Wochen in eine kaum kontrollierte, außerfamiliäre Erziehungssituation zu übergeben.

Viele Verschickungskinder berichten, dass sie mit ihren Eltern nicht über die Stresssituationen sprechen konnten, auch weil sie befürchteten, nicht ernst genommen zu werden. Jahrzehnte später ist es für sie nun hilfreich zu wissen, nicht allein mit diesen Erfahrungen zu sein und sich endlich austauschen zu können. Eine Aufarbeitung, nicht nur der individuellen, sondern auch der gesellschaftlichen Geschichte, die den veränderten Blick auf das Kind in den Mittelpunkt stellt, ist deshalb unbedingt erstrebenswert.

Ergänzung am 28.12.2020: Seit Kurzem wird das Angebot der Initiative nun ergänzt durch die Arbeitsgemeinschaft Verschickungskind. Beiden Gruppen gemeinsam ist das Bemühen, als Experten in eigener Sache die Aufarbeitung selbst zu organisieren.   

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Beitrag Heimweh verboten im PTA-Forum. 

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