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Covid-19
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Endemisch bedeutet nicht harmlos

Der Begriff »endemisch« droht zu einem der am häufigsten missbrauchten Wörter der aktuellen Pandemie zu werden. Dies zumindest ist die Meinung von Professor Dr. Aris Katzourakis, einem Evolutionsbiologen an der Universität Oxford.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 01.02.2022  14:00 Uhr
 Virusevolution verläuft nicht immer in Richtung geringerer Pathologie

 Virusevolution verläuft nicht immer in Richtung geringerer Pathologie

Das Coronavirus sei natürlich nicht der erste Erreger, der eine Pandemie verursacht. Derart existenzielle Bedrohungen hätten die Evolution unseres Immunsystems dahingehend vorangetrieben, dass die Menschen den Kampf mit dem Pathogen auf Augenhöhe aufnehmen könnten. Dessen ungeachtet solle man nicht verkennen, dass der Weg zur immunologischen Kontrolle über ein Pathogen verlustreich und von hohen Sterblichkeitsraten begleitet sein könne.

Es sei ein weit verbreitetes, naives Missverständnis, dass sich Viren im Laufe der Zeit dahingehend entwickeln, dass sie harmloser werden, gibt der Virologe zu bedenken. Diese naive Vorstellung treffe erst recht nicht für Viren wie SARS-CoV-2 zu, die einen Organismus deutlich vor dem Auftreten der ersten Symptome infizieren. »Gezähmt« werde ein solches Virus durch die positive Entwicklung des individuellen Immunsystems, wenn es gezielt, hinreichend und in einer Gesellschaft weit verbreitet trainiert wird.

Es kann viel getan werden

Es könne viel getan werden, um die evolutionären Entwicklungsprozesse in eine positive Richtung zu lenken. Vor allem müsse man auf einen »faulen Optimismus« verzichten, appelliert Katzourakis.

Strategien sollten auf Basis belastbarer Zahlen zum wahrscheinlichen Ausmaß an Todesfällen, Invalidität und Krankheit, verursacht durch Covid-19, entwickelt werden. Zudem sollten derartige Strategien berücksichtigen, dass von nach wie vor zirkulierenden Viren immer die Gefahr ausgeht, dass neue Varianten entstehen.

Drittens müssen bereits jetzt die verfügbaren Instrumente zur Eindämmung der Pandemie weltweit einsetzt werden. Dies gilt für die bemerkenswert wirksamen Impfstoffe ebenso, wie für die immer besser und spezifischer werdenden antiviralen Medikamente, die diagnostischen Tests und für das deutlich besser gewordene Verständnis dafür, wie ein luftübertragenes Virus durch das Tragen von Masken, Distanzierung sowie Belüftung und Filtration gestoppt werden kann. Und viertens müssen wir weiter an Impfstoffen forschen, um uns vor einer breiteren Palette von Varianten schützen zu können.

Zu denken, dass Endemizität sowohl mild als auch unvermeidlich ist, sei nicht nur falsch, sondern gefährlich. Statt voreilig und übertrieben optimistisch zu sein, wäre es produktiver, darüber nachzudenken, wie schlimm es werden könnte, wenn wir dem Virus weiterhin Gelegenheiten geben, unser Immunsystem auszutricksen. Dann würde sich die Menschheit stärker anstrengen, um dies nicht eintreffen zu lassen, resümiert Katzourakis.

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