| Annette Rößler |
| 23.01.2026 13:10 Uhr |
Trotz dieser Auflagen werden viele Patienten eine orale Anwendung wahrscheinlich einer parenteralen vorziehen – viele, aber nicht alle. »Bei der Vorliebe für bestimmte Arzneiformen gibt es kein ›one size fits all‹«, betonte Seidlitz. Wenn man mit technologischen Kniffen die Adhärenz verbessern wolle, gebe es kein Pauschalrezept. Das Apothekenteam habe die Aufgabe, im Gespräch zu ermitteln, welche Lösung im individuellen Fall am besten geeignet sei, und dann die Anwendungstreue durch positive Verstärkung zu verbessern.
Es sei ein generelles Problem, dass viele neue Arzneistoffe nur sehr schlecht wasserlöslich seien. Das liegt daran, dass die Suche nach Wirkstoffen heutzutage vom Computer ausgeht und nicht mehr primär im Labor stattfindet. Technologen bezeichnen solche Wirkstoffe schwarzhumorig als »grease balls« (»Fettbälle«), wenn sie extrem lipophil sind, beziehungsweise als »brick dust« (»Ziegelstaub«), wenn sie weder lipophil noch hydrophil sind, sich also »in gar nichts lösen«.
Eine Möglichkeit, solche Wirkstoffe dennoch oral bioverfügbar zu machen, seien »verfestigte« Lösungen, die sich bei erneutem Lösungsmittel-Kontakt sehr schnell auflösten. Es entstehe dann eine übersättigte Lösung, die sich eine Zeit lang stabilisieren lasse. Mit diesem sogenannten Spring-and-Parachute-Effekt (Feder-und-Fallschirm-Effekt) sei es etwa gelungen, den BRAF-Hemmer Vemurafenib (Zelboraf®) oral bioverfügbar zu machen, der laut Seidlitz »eine schlechtere Wasserlöslichkeit als Marmor hat. In diesem Fall steigere die Copräzipitation mit dem Hilfsstoff HPMCAS die Löslichkeit um das 30-Fache.