| Daniela Hüttemann |
| 09.01.2026 16:20 Uhr |
Apothekerin Tatjana Buck will vor allem mehr personalisierte Präventionsangebote machen, darunter auch Gentests. / © Ingo Rack
PZ: Eine Kleinstadt-Apotheke mit drei Beratungsräumen – lohnt sich das?
Tatjana Buck: Wir bekommen viel positives Feedback zu unseren Dienstleistungen – viele Kundinnen und Kunden sind überrascht, wenn sie erfahren, was wir alles leisten, was man bei einem normalen Apothekenbesuch nicht unbedingt erwartet. An vielen Tagen sind wir mittlerweile ganztags sehr gut gebucht: mit Impfungen, klassischen pDL wie der Blutdruckmessung und Polymedikationsanalyse, aber auch mit Blutuntersuchungen, Vitamin-D-Checks und DNA-Beratungen. Die Nachfrage nimmt weiter zu.
Wir nutzen dafür ein Terminbuchungstool, um Räume, Mitarbeitende und Zeiten optimal zu planen. So können wir auch spontane Terminanfragen – oder Termine, die sich erst im Beratungsgespräch am HV ergeben – deutlich flexibler möglich machen. Ja, es lohnt sich also auf jeden Fall.
PZ: DNA-basierte Beratung in der Apotheke ist noch ein sehr neues Feld. Warum sollten Apotheken das anbieten?

© Avoxa
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Tatjana Buck führt mit ihrem Mann Martin Buck die Vital-Apotheke in Bad Saulgau. Zudem ist sie als Dozentin und Autorin tätig und Vorstandsmitglied der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. Sie will den Wandel der Apotheke weiter vorantreiben und die Vor-Ort Apotheke als attraktiven Arbeitsplatz sichern.
Buck: Wir führen täglich zahlreiche Beratungen und geben Empfehlungen, die auch ohne Wissen über die individuelle Genetik sehr gut möglich sind. Gleichzeitig kann DNA wichtige zusätzliche Hinweise liefern, die wir nutzen können, um Menschen noch gezielter zu unterstützen.
Konkret geht es dabei um individualisierte Empfehlungen zum Gewichtsmanagement (Shape), zur Ernährung (Nutrition) und – wenn sinnvoll – auch zu Nahrungsergänzungsmitteln. Darüber hinaus kann DNA-basierte pharmakogenetische Orientierung (Reaction) auch bei Fragestellungen in der Medikationsanalyse hilfreich sein: In vielen Fällen lässt sich damit das Trial-and-Error-Potenzial reduzieren. Die Therapieentscheidung bleibt dabei selbstverständlich ärztlich – wir leisten unseren Beitrag, indem wir Ergebnisse strukturiert einordnen und in die Beratung integrieren. Das ist für mich sinnvoll und eine logische Konsequenz.
PZ: Was wird bei der Reaktion auf Arzneistoffe genau untersucht?
Buck: Es werden mehr als 70 relevante Genvarianten bestimmt, die Einfluss auf den Abbau und die Wirkung von Medikamenten haben, darunter CYP3A4. Im Gegensatz zu den beiden anderen Tests ist für dieses Modul eine ärztliche Aufklärung und Einwilligung nach Gendiagnostikgesetz vorgesehen. In der Apotheke gibt der Kunde eine Speichelprobe ab, die wir ans Labor des Anbieters schicken. Nach etwa zwei Wochen bekommt der Kunde einen ausführlichen Bericht in Buchform, den wir dann auf Wunsch ausführlich mit ihm besprechen. DNA ist etwas sehr Persönliches. Die meisten wollen das Ergebnis erst selbst zu Hause lesen, kommen dann aber mit vielen guten Fragen.
PZ: Lassen sich aus den Ergebnissen auch therapeutische Konsequenzen ableiten?
Buck: Ja, auch deshalb ist der Hausarzt eingebunden. Im Bericht werden für rund 2000 Wirkstoffe Hinweise zur Wirkung, zum Abbau und zur möglichen Dosierung gegeben – orientiert an aktuellen wissenschaftlichen Empfehlungen und Datenbanken (zum Beispiel PharmGKB). Bei einzelnen Arzneistoffen ist dieser Ansatz längst gelebte Praxis, etwa bei Tamoxifen.
Wichtig ist dabei immer die Einordnung: Die Aussagekraft ergibt sich nicht aus dem Genbefund allein, sondern im Kontext von Wirkstoff, Dosierung, Indikation und Begleitmedikation; ebenso spielen individuelle Faktoren wie Alter, Organfunktion und Begleiterkrankungen eine Rolle. Den Test wollen wir künftig gezielt in unsere Polymedikationsanalysen integrieren, vor allem dann, wenn es konkrete Fragestellungen zu Wirksamkeit, Verträglichkeit oder Dosis gibt. Momentan nutzen ihn bei uns vor allem gesundheitsbewusste 40- bis 50-Jährige präventiv, weniger die klassischen geriatrischen Patientinnen und Patienten.
Apotheker Martin Buck leitet eine Kundin bei der Probennahme für einen Gentests an. / © Vital-Apotheke
PZ: Gab es Bedenken der umliegenden Ärzte?
Buck: Ich darf das Konzept demnächst im lokalen Ärztezirkel vorstellen. Uns sind Wertschätzung und eine gute Zusammenarbeit mit den Ärztinnen und Ärzten vor Ort sehr wichtig – gerade bei Angeboten, die an der Schnittstelle zur Therapie liegen. Gleichzeitig sind wir als Apothekerinnen und Apotheker auch Unternehmerinnen und Unternehmer und gestalten unser Dienstleistungsangebot eigenverantwortlich dort weiter, wo wir einen sinnvollen Beitrag für Patientinnen und Patienten sehen.
Ob ein Angebot am Ende wirklich passt, zeigen uns die Kundinnen und Kunden ganz pragmatisch: Sie ›stimmen mit den Füßen ab‹, ob sie diese Leistung nutzen möchten. Aktuell werden bei uns vor allem die Ernährungs- und Shape-Analysen stark nachgefragt, meist von gesunden, präventionsorientierten Kundinnen und Kunden – das ist in der Regel gut anschlussfähig und konfliktarm.
PZ: Wie kommt das Angebot an?
Buck: Wir bieten die Gentests jetzt seit etwa einem halben Jahr an. Im Schnitt gibt es zwei bis drei Anfragen pro Tag, sodass wir bereits mehr als 160 Tests bei mehr als 100 Personen durchgeführt haben – mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Auch wenn Tests und Beratung einen gewissen Preis haben, wird das Angebot gut angenommen.
Für uns ist das gleich aus mehreren Gründen attraktiv: Es ist eine Leistung, mit der wir neue Kundinnen und Kunden an die Apotheke vor Ort binden und unsere pharmazeutische Kompetenz sichtbar machen. Gleichzeitig macht es dem Team fachlich wirklich Spaß, weil die Gespräche intensiver sind und wir Menschen sehr individuell begleiten können. Und nicht zuletzt ist das Angebot auch betriebswirtschaftlich sehr attraktiv. Häufig ergeben sich daraus weitere, passende Dienstleistungen – zum Beispiel eine Darmberatung – oder, wenn es fachlich angezeigt ist, ergänzende Empfehlungen, etwa zu individualisierten Nahrungsergänzungsmitteln. Wir positionieren uns damit als zukunftsorientiert, bauen Vertrauen und Kundenbindung auf, und über Social Media sowie Webinare kommen inzwischen auch Interessierte aus anderen Städten gezielt zu uns.
Wer als Apotheke relevant bleiben will, muss sich weiterentwickeln: sichtbar, vernetzt und mit klaren Gesundheitsservices, gerade in der Prävention. Für mich bedeutet das, dass die Apotheke vor Ort sich vom Point of Sale stärker zum Point of Prevention entwickelt.