| Annette Rößler |
| 06.02.2026 13:30 Uhr |
Die Autoren gingen folgendermaßen vor: Anhand der Produktinformationen von Präparaten mit Atorvastatin, Fluvastatin, Pravastatin, Rosuvastatin und Simvastatin erstellten sie zunächst eine Liste aller UAW mit Ausnahme von muskelbezogenen Symptomen und Diabetes. Anschließend überprüften sie anhand von Studiendaten, ob diese UAW tatsächlich auf das jeweilige Statin zurückzuführen waren oder ob sie nicht vielleicht in der Placebogruppe mit ähnlicher Häufigkeit aufgetreten waren.
Studien wurden nur dann berücksichtigt, wenn sie randomisiert waren, mindestens 1000 Teilnehmende einschlossen, eine Behandlungsdauer von mindestens zwei Jahren umfassten und einen doppelblinden Vergleich eines Statins mit Placebo (19 Studien, insgesamt 123.940 Teilnehmende) oder von zwei unterschiedlich stark wirksamen Statinen (vier Studien, insgesamt 30.724 Teilnehmende) beinhalteten.
Die Auswertung der placebokontrollierten Studien ergab, dass von ursprünglich 66 UAW lediglich vier tatsächlich auf die Statintherapie zurückzuführen waren: abnormale Leberenzymwerte und Abweichungen in der Leberfunktion (relatives Risiko 1,41 und 1,26), Veränderungen der Urinzusammensetzung (relatives Risiko 1,18) sowie Ödeme (relatives Risiko 1,07). Aus der Analyse der Studien, in denen Statine unterschiedlicher Wirkstärke miteinander verglichen worden waren, ließ sich für die leberbezogenen UAW ein dosisabhängiger Effekt ableiten, nicht jedoch für die beiden anderen UAW.
Für die meisten in den Beipackzetteln von statinhaltigen Präparaten genannten UAW, zum Beispiel kognitive Beeinträchtigung, Depression, Schlafstörungen und periphere Neuropathie, gebe es keinen Beleg für einen Kausalzusammenhang mit der Statintherapie, so das Fazit der Autoren. Damit Patienten und behandelnde Ärzte gemeinsam eine faktenbasierte Entscheidung für oder gegen eine Statintherapie fällen könnten, sollten die Texte der Produktinformationen daher überarbeitet werden.
Dieser Forderung schließen sich mehrere unabhängige Experten an, die das »Science Media Center« zu dieser Studie befragt hat. »Viele Nebenwirkungen tauchen vor allem aus Haftungsgründen in den Beipackzetteln auf«, sagt etwa Professor Dr. Oliver Weingärtner vom Universitätsklinikum Jena. »Schon die Länge der Beipackzettel, wie wir sie aktuell kennen, sorgt für große Verunsicherung und führt dazu, dass hocheffektive Medikamente völlig zu Unrecht nicht eingenommen werden.«
Professor Dr. Ulrich Laufs vom Universitätsklinikum Leipzig erwähnt die hohen Abbruchraten der Statintherapie wegen unerwünschter Effekte – die jedoch zu rund 90 Prozent auf einem Nocebo-Effekt beruhten. »Dies ist ein riesiges Problem für die Einnahmetreue und die Prävention von Herz- und Gefäßkrankheiten.« Laufs verweist auf einen »alternativen Beipackzettel für Statine«, der im Auftrag der DACH-Gesellschaft Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erstellt wurde und die Vor- und Nachteile der Wirkstoffklasse evidenzbasiert darstellt.