Robert F. Kennedy Jr. stellte kürzlich die geänderten Ernährungsempfehlungen für US-Amerikaner vor, in denen die bisher etablierte Ernährungspyramide auf den Kopf gestellt ist. Dies widerspricht jahrzehntelanger ernährungsmedizinischer Evidenz. / © Imago Images/UPI Photo
Mit Robert F. Kennedy Jr. (RFK Jr.) steht erstmals ein erklärter Kritiker zentraler Prinzipien evidenzbasierter Medizin an der Spitze des US-Gesundheitsministeriums. Zwei aktuelle Artikel im »Wall Street Journal« (WSJ) und auf der Informationsplattform des Massachusetts Institute of Technology (MIT) »MIT Technology Review« zeichnen ein konsistentes Bild: Kennedy treibt eine gesundheitspolitische Neuausrichtung voran, die wissenschaftliche Evidenz relativiert, alternative Gesundheitsnarrative aufwertet und zugleich erhebliche ökonomische Interessen bedient.
Das Wall Street Journal analysiert RFK Jr.s enge Verflechtung mit der US-amerikanischen Supplement- und Wellnessindustrie, einem rund 70 Milliarden US-Dollar (knapp 60 Milliarden Euro) schweren, nur schwach regulierten Markt. Kennedy inszeniert sich dabei als Kämpfer gegen eine angebliche »Kriegserklärung an Vitamine« und umgibt sich demonstrativ mit Influencern, Unternehmern und Ärzten aus dem alternativen Gesundheitsmilieu. Viele von ihnen vertreiben selbst Nahrungsergänzungsmittel, Peptide oder Longevity-Produkte, die häufig mit fragwürdigen oder wissenschaftlich nicht belegten Heilsversprechen werben.
Kennedys öffentliche Empfehlungen von Vitamin A und Lebertran gegen Masern oder von hoch dosierten Supplementen bei Infektionskrankheiten unterlaufen dabei den medizinischen Konsens. Besonders brisant ist, dass diese Positionen aus dem Amt des Gesundheitsministers heraus geäußert werden, mit erheblicher Wirkung auf das Verhalten von Patientinnen und Patienten, besonders in Bevölkerungsgruppen, die ohnehin wissenschaftlichen Aussagen gegenüber kritisch eingestellt sind.
Wie das WSJ aufzeigt, sind zentrale Positionen in Kennedys Ministerium und nachgeordneten Behörden inzwischen mit Personen besetzt, die wirtschaftlich oder ideologisch eng mit der Supplement-Branche verbunden sind.
Auf der Plattform »MIT Technology Review« wird ein zweiter, strukturell verwandter Aspekt beleuchtet: die unter Kennedys Federführung veröffentlichten neuen US-Ernährungsleitlinien »The new Dietary Guidelines for Americans«.
Viele der Empfehlungen sind sinnvoll. So empfehlen die Leitlinien eine Ernährung, die reich an Vollwertkost ist, insbesondere an frischem Obst und Gemüse. Sie empfehlen auch, stark verarbeitete Lebensmittel und zugesetzten Zucker zu vermeiden.
Andererseits weichen die Empfehlungen in zentralen Punkten von jahrzehntelanger ernährungswissenschaftlicher Evidenz ab. So werden rotes Fleisch und tierische Fette prominent empfohlen, obwohl klare Zusammenhänge mit kardiovaskulären Risiken und Krebsinzidenz wissenschaftlich belegt sind. Dagegen vermisst man neuere Erkenntnisse, beispielsweise dazu, dass es beim Alkoholkonsum kein »sicheres« Maß gibt. Stattdessen staunt man in den neuen Leitlinien über eine Umkehr der etablierten Ernährungspyramide.
Zudem ignorieren die neuen Leitlinien die wissenschaftliche Vorarbeit eines Expertengremiums vollständig.
Ernährungswissenschaftler, die die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet genau beobachten, begleiten normalerweise die Überarbeitung der Leitlinien eng. Dieses Expertenteam veröffentlicht seine Ergebnisse zunächst in einem wissenschaftlichen Bericht, der dann als Basis für die endgültigen Ernährungsleitlinien für die amerikanische Bevölkerung dient.
Die letzten Leitlinien deckten den Zeitraum 2020 bis 2025 ab. Im Sommer 2025 wurden neue Leitlinien erwartet. Allerdings wurde nach Angaben von RFK Jr. die Veröffentlichung der aktualisierten Version durch einen »Regierungsstillstand« verzögert.
In der Gesamtschau wird deutlich: Kennedys Gesundheitspolitik folgt weniger einem evidenzbasierten Public-Health-Ansatz als einem ideologisch aufgeladenen Narrativ von »natürlicher« Gesundheit, individueller Autonomie und Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen. Wissenschaftliche Unsicherheiten werden dabei nicht differenziert kommuniziert, sondern politisch instrumentalisiert.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch Kennedys Schreiben an die deutsche Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) in einem klareren Licht. In dem öffentlich gemachten Brief wirft RFK Jr. der Bundesrepublik vor, Ärzte und Patienten wegen Abweichungen von Corona-Maßnahmen zu verfolgen und damit die »Autonomie der Patienten« zu verletzen.
Die Vorwürfe stützen sich jedoch weder auf belastbare Daten noch auf ein zutreffendes Verständnis des deutschen Rechtssystems. Warken wies sie als »faktisch falsch« zurück und stellte klar, dass es in Deutschland ausschließlich um Betrugs- und Urkundenfälschungsdelikte gegangen sei, nicht um Therapiefreiheit.
In der Logik von Kennedys politischem Projekt ist der Brief dennoch konsequent: Er überträgt das US-amerikanische MAHA-Narrativ (Make America Healthy Again) auf den internationalen Raum und bewertet staatliche Regulierung grundsätzlich als autoritären Eingriff. Damit wird aus Gesundheitspolitik ein kulturkämpferisches Instrument, losgelöst von nationalen Kontexten und wissenschaftlicher Differenzierung.
In der Gesamtschau ergibt sich ein Bild von RFK Jr. als Schlüsselfigur einer tiefgreifenden Verschiebung: weg von evidenzbasierter, kollektiv orientierter Gesundheitspolitik hin zu einer individualisierten, marktnahen und ideologisch aufgeladenen Gesundheitsrhetorik. Der wirtschaftliche Nutzen für die Wellness- und Supplement-Industrie ist dabei kein Nebeneffekt, sondern ein strukturelles Element dieses Kurses.
Kennedys unerbetene und inakzeptable Intervention gegenüber Deutschland ist weniger Ausdruck berechtigter Sorge als vielmehr ein weiterer Baustein einer politischen Strategie, die wissenschaftliche Evidenz systematisch relativiert und staatliche Verantwortung delegitimiert.