| Jennifer Evans |
| 19.03.2026 13:30 Uhr |
Archaisch und modern zugleich: Brâncuși schaffte eine universelle Formensprache. Hier seine »Schlafende Muse« von 1910. / © Succession Brancusi-All rights reserved/VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Sein gesamtes künstlerisches Schaffen hat Constantin Brâncuși der Suche nach der Essenz der Dinge gewidmet. Die organischen Skulpturen sind daher auf das Wesentliche reduziert. Eines seiner großen Themen war der Schlaf. Viele Arbeiten zeigen den menschlichen Kopf – ruhig, solide, schwebend. Im Laufe der Jahre verzichtete der Bildhauer bei seinen schlafenden Musen und Kindern immer stärker auf naturalistische Details. Am Ende stand sein Ideal: Köpfe, die einem Ei oder einer Zelle ähneln; teils polierte er sie.
Die einen fühlen sich von diesen Köpfen an Kieselsteine erinnert, die anderen an archaische Kunst. So oder so wollte Brâncuși über Ei beziehungsweise Zelle ein universelles Symbol für den Ursprung des Lebens schaffen. Gleichzeitig galt es, antike und moderne Vorstellungen, Natur und Kultur sowie Figuration und Abstraktion miteinander zu vereinen.
Seine Skulpturen fertigte er nach der Methode der »taille directe« an, arbeitete sie also direkt aus dem Material heraus. Für die Präsentation verwendete er häufig aufwendig gestaltete Sockel, die für ihn untrennbar zu den Werken gehörten.
Ein weiteres wiederkehrendes Motiv seiner Kunst sind Vögel – langgestreckte Tierkörper in Marmor, Bronze oder Gips, die sich fast schwerelos gen Himmel strecken. Für den gebürtigen Rumänen symbolisiert ihr Flug den Menschheitstraum, der irdischen Existenz zu entkommen und zur Spiritualität aufzusteigen. »Ich will nicht den Vogel selbst darstellen, sondern den Impuls, den Schwung, den Elan«, sagte er einst.
Zuweilen erinnern die Werke auch an die Kunst des französischen Bildhauers Auguste Rodin, in dessen Atelier er 1907 kurzzeitig arbeitete, sich jedoch schnell emanzipierte. Rückblickend war dies wohl die richtige Entscheidung. Denn heute gilt Brâncuși als Begründer der modernen Skulptur, die sich durch Abstraktion und radikale Vereinfachung auszeichnet.
Weil der 1957 verstorbene Bildhauer in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden wäre, zeigt die Neue Nationalgalerie in Berlin in Kooperation mit dem Pariser Centre Pompidou, das seinen Nachlass verwaltet, die erste umfassende Retrospektive seit mehr als 50 Jahren in Deutschland. Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sowie dem Präsidenten von Rumänien, Nicușor Dan.
Die Sonderausstellung »Brancusi« ist noch bis zum 9. August 2026 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen.