| Johanna Hauser |
| 19.11.2025 14:00 Uhr |
Betablocker gehören bisher nach einem Herzinfarkt zur Standardtherapie. / © Adobe Stock/peterschreiber.media
Nach einem Herzinfarkt stellen Betablocker typischerweise einen Teil der Reinfarkt-Prophylaxe dar. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass in den 1980er-Jahren und früher Herzinfarkte häufig mit einer Vernarbung des Herzgewebes und in Folge herabgesetzter Pumpleistung einherging. Zum Schutz vor einer Überlastung des Herzmuskels wurden Betablocker eingesetzt. Die Evidenz wurde in randomisierten Studien belegt. Demnach sank die Sterblichkeit um 20 Prozent.
Allerdings war damals die Situation eine andere. Es gab keine perkutane koronare Intervention (PCI) mit Herzkatheter und Stent, auch Statine und ACE-Hemmer oder gar Sartane waren noch nicht in Sicht.
Heutzutage erfolgt bei schwerem Infarkt in der Klinik direkt eine PCI. Stents normalisieren die Durchblutung der Koronararterien. Zugleich erfolgt eine Pharmakotherapie mit Prognose-verbessernden Medikamenten wie ASS, ACE-Hemmern oder Sartanen sowie Statinen, um das Fortschreiten von Koronarsklerosen zu bremsen. Dies wirft die Frage auf, ob der Einsatz von Betablockern nach Herzinfarkt überhaupt noch zeitgemäß ist.
Vor dem Hintergrund der modernen Therapiemöglichkeiten wurde von 2017 bis 2023 in Schweden, Estland und Neuseeland die REDUCE-AMI-Studie durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten, dass eine zusätzliche Behandlung mit Metoprolol oder Bisoprolol das Auftreten von Herzinfarkten oder Todesfällen nicht gesenkt und somit keinen Zusatznutzen hat. Die Ergebnisse wurden 2024 im »New England Journal of Medicine« veröffentlicht.
Eine Metaanalyse von Studien der letzten Jahre zu dieser Fragestellung bestätigte dies. In die Analyse wurden die oben genannte REDUCE-AMI-Studie (4967 Teilnehmer), sowie die REBOOT- (7459 Teilnehmer), BETAMI- (2441 Teilnehmer), DANBLOCK- (2277 Teilnehmer) und Capital-RCT-Studie (657 Teilnehmer) eingeschlossen.
Insgesamt konnte das Team der »Trialists’ Collaboration Study Group« um Anna Meta Dyrvig Kristensen vom Universitätsklinikum Kopenhagen die Rohdaten von 17.801 Teilnehmern auswerten. 8831 Teilnehmer erhielten Betablocker in der Reinfarktprophylaxe, 8970 nicht. Die Ergebnisse wurden kürzlich im »New England Journal of Medicine« veröffentlicht.
Alle Patienten hatten eine linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) von mindestens 50 Prozent, 45,5 Prozent hatten einen ST-Hebungsinfarkt (STEMI). Die Teilnehmer wurden überwiegend (95 Prozent) mit PCI versorgt. Die mediane Nachbeobachtung betrug 3,6 Jahre. Der primäre Endpunkt war eine Kombination aus Tod jeglicher Ursache, Myokardinfarkt oder Herzinsuffizienz. Sekundäre Endpunkte waren die Einzelereignisse.
In der mit Betablockern behandelten Gruppe trat eines der drei Ereignisse bei 8,1 Prozent (717 Teilnehmern), in der Gruppe ohne Betablocker bei 8,3 Prozent (748 Teilnehmer) auf. Die ermittelte Hazard Ratio (HR) lag bei 0,97 und war somit nicht signifikant. Dies gilt auch für die aufgeschlüsselten Einzelereignisse.
In der Betablocker-Gruppe traten 335 Todesfälle gegenüber 326 auf (HR 1,04). Myokardinfarkte erlitten 360 beziehungsweise 407 Teilnehmer (HR 0,89) und eine Herzinsuffizienz trat bei 75 gegenüber 87 Teilnehmern auf (HR 0,87).
»In dieser Metaanalyse, die Einzelpatientendaten aus fünf randomisierten Studien einschloss, senkte die Betablockertherapie nicht die Todesrate aus irgendeiner Ursache, Myokardinfarkt oder Herzinsuffizienz bei Patienten mit einem LVEF von mindestens 50 Prozent nach einem Myokardinfarkt ohne weitere Hinweise auf Betablocker«, heißt es im Paper.
Die in der REBOOT-Studie höhere Sterblichkeit von Frauen mit Betablockern in der Reinfarkt-Prophylaxe konnte in den anderen Studien nicht beobachtet werden. Die HR lag in der Gesamtbetrachtung bei 1,01, was zwar keinen vollständigen Ausschluss einer leichten Übersterblichkeit bedeutet, jedoch unwahrscheinlich ist.
Einschränkend gilt, dass die Sterblichkeit von Frauen mit Betablockern in der REBOOT-Studie nur diejenigen betraf, die eine LVEF von 50 Prozent oder mehr aufwiesen; die Teilnehmerinnen hatten ein 2,7-prozentiges erhöhtes absolutes Sterberisiko. Die Frauen mit Infarkt waren zudem älter, hatten mehr Begleiterkrankungen und erlebten häufiger Herzinfarkte ohne obstruktive Koronararterien (6 Prozent gegenüber 2 Prozent bei Männern). Darüber hinaus wurde den Frauen seltener eine leitliniengerechte Therapie verschrieben.