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Benzylalkohol
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Das Allergen des Jahres

Es gibt nicht nur eine Arznei- und eine Heilpflanze des Jahres, sondern auch ein Allergen des Jahres. Zumindest in den USA. Dort wurde Benzylalkohol nun von der American Contact Dermatitis Society (ACDS) zum Allergen des Jahres 2026 gekürt. Ein Grund, sich den Stoff einmal genauer anzusehen.
AutorKontaktJohanna Hauser
Datum 07.04.2026  13:30 Uhr

Benzylalkohol kommt in zahlreichen natürlichen und verarbeiteten Produkten vor. Er gilt zwar allgemein als sicher, kann aber bei wiederholter Exposition eine Kontaktallergie auslösen. Darauf weisen Nicholas T. Le und Professor Dr. Peggy A. Wu von der University of California in Davis in einem kürzlich erschienenen Paper im Fachmagazin »Dermatitis« hin. Gleichzeitig wird Benzylalkohol von vielen Standard-Patch-Tests, die zur Erkennung von Spättyp-Allergien (Typ IV) eingesetzt werden, nicht abgedeckt.

Benzylalkohol ist unter anderem in Cranberrys, Aprikosen, Pilzen, Zuckererbsen, Kakao und Honig sowie in ätherischen Ölen (beispielsweise Jasmin, Nelke, Rosmarin oder YlangYlang) und Körperpflegeprodukten enthalten. Auch industriell wird Benzylalkohol vielfältig eingesetzt. Er dient als Konservierungsmittel für halbfeste und flüssige (auch parenterale) Arzneiformen und Kosmetika, Lösungsmittel, Duft- und Aromastoff, Lebensmittelzusatz (E 1519) sowie wird zur pH-Einstellung oder Senkung der Viskosität. Benzylalkohol kommt auch als Desinfektionsmittel zum Einsatz und ist sowohl bakterizid als auch fungizid wirksam. Gegen einige Viren (HIV, HBV, HCV, Rotaviren und Adenoviren) weist er einen viruziden Effekt auf. In den USA ist zudem ein Arzneimittel gegen Kopfläuse mit Benzylalkohol zugelassen.

Dementsprechend kann eine Kontaktallergie nach unterschiedlichsten Expositionen auftreten. Betroffen sind dann vor allem Hände, Beine, Hals und Gesicht. Dokumentierte Fälle traten gemäß den Autoren nach Exposition durch Corticosteroid-Präparate, Epoxid-Klebstoffe und Düfte auf. Aber auch für Sonnencremes, Lippenbalsam, topische Antibiotika und Feuchtigkeitscremes lägen Fallberichte vor.

Synonyme erschweren die Kontaktvermeidung

»Eine korrekte Diagnose ist der erste Schritt zur Behandlung einer Benzylalkohol-Allergie«, so Wu gegenüber Medscape Medical News. Bei der Erkennung einer durch Benzylalkohol ausgelösten Kontaktallergie sehen Le und Wu Verbesserungspotential. »Eine Vereinheitlichung der Testkonzentrationen und Trägersubstanzen sowie weitere Untersuchungen zu möglichen Kreuz- und Koreaktivitäten würden die Diagnose einer Benzylalkohol-Allergie verbessern«, heißt es in dem Paper.

Betroffene sollten eine Exposition möglichst vermeiden. Gemeinerweise tarnt sich Benzylalkohol auf Zutatenlisten unter verschiedenen Bezeichnungen wie Phenylmethanol, Phenylcarbinol, Alcohol benzylicus PhEur, BnOH, Benzenmethanol und Hydroxymethylbenzol. Dies macht eine Allergenvermeidung nicht einfacher.

In der EU wurde Benzylalkohol 2015 im Rahmen der EU-Chemikaliengesetzgebung (REACH, Verordnung (EG) Nr. 1907/2006) einer Neubewertung unterzogen, um die Auswirkungen des Stoffs auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu eruieren und gegebenenfalls Folgemaßnahmen einzuleiten. Der Abschlussbericht empfahl unter anderem eine Ergänzung der H-Sätze 302 (Gesundheitsschädlich bei Verschlucken), 317 (Kann allergische Hautreaktionen verursachen) und 319 (Verursacht schwere Augenreizung) für Benzylalkohol. Die Empfehlung ist seit 5. September 2025 bindend (21. Adaptation to Technical Progress).

Wie verbreitet ist eine Kontaktdermatitis?

In einer Untersuchung aus dem Jahr 2022 zeigten von 70.867 Patienten, die mit 1-prozentiger Benzylalkohol-Vaseline getestet wurden, 146 eine positive Reaktion (0,21 Prozent). Die meisten davon waren nur schwach positiv (89 Prozent). Allerdings reagierten teilweise auch Patienten mit einem negativen Patch-Test auf Benzylalkohol-haltige Produkte. Bei Patienten mit positivem Test auf Benzylalkohol traten allergische Reaktionen zu über 80 Prozent und somit signifikant häufiger auf als bei negativ getesteten Patienten (70,5 Prozent).

Auch trat eine Dermatitis an den Beinen bei den positiv getesteten Patienten mit 17,8 Prozent doppelt so häufig auf. Die auslösenden Agenzien waren in dieser Gruppe zu 53,4 Prozent Kosmetika und zu 34,9 Prozent topische Arzneimittel. Bei Patienten mit negativem Patch-Test traten Reaktionen auf Kosmetika mit 47,9 Prozent zwar auch sehr häufig, mit 16,6 Prozent auf Arzneimittel jedoch signifikant seltener auf.

Auch wenn in einigen Bereichen Patienten mit einem positiven Patch-Test signifikant häufiger auf eine Exposition mit Benzylalkohol-haltigen Substanzen reagierten, sollte Benzylalkohol laut den Autoren nicht als signifikantes Allergen eingestuft werden. Begründet wird dies damit, dass positive Patch-Test-Reaktionen sehr selten und zudem schwach ausgeprägt sind. Sie hätten häufig einen eher irritativen Charakter als eine immunologisch bedingte allergische Reaktion. Die Ergebnisse wurden im »Journal of the European Academy of Dermatology & Venereology« veröffentlicht.

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