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Lieferengpässe
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»Bild« berichtet über »Apotheker-Aufstand«

Briefe und Postkarten an das Ministerium, Mini-Praktika für Abgeordnete, regelmäßige Gespräche mit der Lokalpresse – die Apothekenteams versuchen unermüdlich, Politik und Öffentlichkeit über die Probleme in der Branche zu informieren. Aktuell bekommen sie Unterstützung von unerwarteter Seite: Die »Bild«-Zeitung berichtet offensiv über das Thema Lieferengpässe.
AutorKontaktAlexander Müller
Datum 19.09.2023  09:55 Uhr

In der vergangenen Woche hatte Bundesgesundheitsminister Professor Karl Lauterbach (SPD) seinen 5-Punkte-Plan gegen Lieferengpässe vorgestellt, das Problem aber gleichzeitig heruntergespielt. Sollte eine massive Infektionswelle ausbleiben und besorgte Eltern keine Fiebersäfte hamstern, werde man gut über den Winter kommen, so der Minister sinngemäß. Den Apothekern hatte er im Vorfeld sogar vorgeworfen, mit ihren permanenten Meldungen über drohende Engpässe Panik zu verbreiten.

Das hatte in der Branche für reichlich Ärger gesorgt, weil die Teams in den Apotheken schon heute häufig den Mangel verwalten müssen. Eine Gruppe von Apothekerinnen und Apothekern hatte sich schon zusammengeschlossen, um auf eigene Kosten gemeinsam Anzeigen in überregionalen Medien zu schalten.

Doch jetzt hat die »Bild«-Zeitung das Thema aufgegriffen und gestern einen großen Beitrag unter der Überschrift »Apotheker reden Klartext« veröffentlicht. Darin kommt Apotheker Philipp Hoffmann aus Diez in Rheinland-Pfalz zu Wort, der über die aktuellen Lieferengpässe berichtet. »Wir können schon jetzt vor der Grippesaison keine Belieferung der Bevölkerung mehr aufrecht erhalten«, schrieb er der Zeitung und schickte dazu eine Liste mit 710 fehlenden Medikamenten. Sein Fazit: »Die bisher beschlossenen Maßnahmen sind leider ein Witz!«

Viele Kolleginnen und Kollegen folgten seinem Beispiel und versorgten die Redaktion mit Defektlisten. Einer von ihnen war Marcus Büschges, der seine Apotheke in Dülken am Niederrhein führt. Seine Liste umfasste zwar »nur« 319 Defekte, aber auch das seien zehnmal so viele wie vor der Engpasskrise, berichtete er gegenüber der PZ. Wenige Minuten, nachdem er die Mail abgeschickt hatte, meldete sich tatsächlich die Berliner Redaktion der »Bild«-Zeitung bei ihm.

Apotheken schicken Defektlisten

Nach Angaben des Springer-Blatts haben sich mehr als 200 Apotheker bei der Zeitung gemeldet. Die Liste mit den meisten Defekten umfasste demnach 1400 Positionen. Der Tenor: Die Apotheken verwalteten nur noch den Mangel, die Versorgung sei akut in Gefahr. Das Boulevardblatt titelte: »Apothekeraufstand gegen Lauterbach« und stellte das Zitat einer Apothekerin daneben: »Tiere sind in Deutschland besser versorgt als Kinder.«

Offenbar hat die Berichterstattung Wirkung gezeigt: Bundesgesundheitsminister Lauterbach wird heute Vormittag zum Gespräch in der »Bild«-Redaktion erwartet.

In den sozialen Medien hat Lauterbach den Ball inzwischen aufgenommen, allerdings erneut das Thema Lieferengpässe mit den Honorarforderungen vermengt: »Die Apotheker wollen am nächsten Mittwoch für mehr Honorar streiken. Das ist ihr gutes Recht. Apotheken machen eine sehr gute Arbeit. Ihre fachliche Qualifikation erlaubt es, ihnen bei Darreichung von Kindermedikamenten im Herbst mehr Rechte zu geben. Das Gesetz dazu kommt jetzt.«

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