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Generationsstudie

Makuladegeneration immer seltener

Datum 06.12.2017  10:34 Uhr

Von Annette Mende / Von Generation zu Generation erkranken offenbar prozentual immer weniger Menschen an einer alters­abhängigen Makuladegeneration (AMD). Zumindest für die Bewohner der Kleinstadt Beaver Dam im US-amerikanischen Bundesstaat Wisconsin wurde dieser Trend jetzt nachgewiesen. Über die Gründe kann nur spekuliert werden.

Die Bevölkerung der Stadt Beaver Dam im Nordosten der USA setzt sich mehrheitlich aus weißen Nicht-Hispanics ­zusammen. Im Rahmen von zwei Langzeit-Beobachtungsstudien wurden erwachsene Bewohner der Stadt und ihre erwachsenen Kinder zwischen 1988 und 2008 mehrfach auf AMD gescreent. Insgesamt nahmen 4819 Personen an den Studien teil, für die Forscher um Dr. Karen J. Cruickshanks von der University of Wisconsin-Madison generationsabhängig folgende Fünf-Jahres-Inzidenzen der AMD berechneten: 8,8 Prozent für die Jahrgänge 1901 bis 1924, 3,0 Prozent für die Jahrgänge 1925 bis 1945, 1,0 Prozent für die Jahr­gänge 1946 bis 1964 und 0,3 Prozent für die Jahrgänge 1965 bis 1984.

Unter Berücksichtigung der Kovariablen Alter und Geschlecht bedeutete das einen Rückgang um mehr als 60 Prozent von einer Generation zur nächsten, wobei einschränkend gesagt werden muss, dass die Generation X das typische Alter für eine AMD noch nicht erreicht hatte. Der generationsabhängige Effekt blieb auch dann noch statistisch signifikant, wenn bekannte Risikofaktoren wie Rauchen, Bildung, körper­liche Aktivität oder HDL-Chole­sterolspiegel berücksichtigt wurden.

 

Da genetische Faktoren als Begründung für den dramatischen Rückgang über so einen kurzen Zeitraum ausscheiden, muss die Erklärung in geänderten Umweltfaktoren zu suchen sein, so die ­Autoren. In der Tat waren die Lebensbedingungen der jeweiligen Generationen sehr starken Veränderungen unterworfen. Zusätzlich zum persönlichen Umfeld wandelten sich auch die Umweltbedingungen, etwa die Luft- und Wasser­qualität, die Verfügbarkeit von Antiinfek­tiva und das Ausmaß von ­sozialem Stress.

 

Welche Faktoren im Zusammenhang mit der AMD-Häufigkeit eine ­Rolle gespielt haben, müsse weiter erforscht werden, da sich hier Ansatzpunkte für eine Prävention der Erkrankung bieten könnten, so die Forscher. Geklärt werden sollte auch, ob der hier gezeigte Trend in anderen Weltregionen ebenso vorhanden ist. Einen Hinweis darauf, dass auch in Europa die Prävalenz der AMD rückläufig ist, ergab erst kürzlich eine Metaanalyse des European Eye Epidemiology Consortium im Fachjournal »Ophthalmology« (DOI: 10.1016/j.ophtha.2017.05.035). /

 

Quelle: Cruickshanks KJ et al. Generational Differences in the 5-Year Incidence of Age-Related Macular Degeneration. JAMA Ophthalmology online, November 2017. DOI: 10.1001/jamaophthalmol.2017.5001

Kommentar

Die AMD ist heute in allen Industrienationen die häufigste Ursache für schwere Sehbehinderung und den Verlust der zentralen Sehschärfe. Während Therapiemöglichkeiten für die sogenannte feuchte Form bestehen, ist dies für die trockene Spätform nicht der Fall. Über die Gründe für den Rückgang der Fünf-Jahres-­Inzidenz von Spätformen der AMD spekulieren die Autoren, dass sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung insgesamt verbessert hat und dies auch Einfluss auf chronische Augen­erkrankungen wie die AMD haben könnte. Diese Daten müssten allerdings in anderen Populationen überprüft werden. Zudem fehlen Angaben zur Prävalenz in den jeweiligen Generationen: Die Arbeit behandelt lediglich neu aufgetretene Erkrankungen. Das European Eye Epidemiology Consortium hat zuletzt festgestellt, dass die Prävalenz über die verschiedenen Generationen in Europa im Wesentlichen stabil ist. Mit Blick auf die steigende Lebenserwartung ist zu erwarten, dass die Zahl der AMD-Patienten insgesamt zunimmt: Hochrechnungen weisen darauf hin, dass die Anzahl in Europa bis 2050 um 25 Prozent steigen könnte. Insofern signalisieren die jetzt veröffentlichen Daten keine Entwarnung. Die AMD bleibt eine Volkskrankheit. Intensivere Forschungs­bemühungen sind erforderlich, um bisher noch nicht behandelbare Formen effektiv therapieren zu können.

 

Professor Dr. Frank G. Holz,

Vorstandsmitglied der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft

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