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Schwangerschaft

Präeklampsie und Infektionen bedrohen Mutter und Kind

31.07.2006
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Schwangerschaft

Präeklampsie und Infektionen bedrohen Mutter und Kind

von Gudrun Heyn

 

Nicht jede Schwangerschaft verläuft problemlos. Erkrankungen wie Präeklampsie, virale oder bakterielle Infektionen können Mutter und Kind gefährden. Mitunter treten Spätschäden erst nach Jahren auf. Jedoch kennen viele Frauen die Warnzeichen nicht. Aufklärung und besondere Vorsorge tragen dazu bei, Komplikationen zu verhindern.

 

Heute noch wird die Präeklampsie im Volksmund als Schwangerschaftsvergiftung bezeichnet. Für Mutter und Kind zählt sie zu den gefährlichsten Komplikationen, denn für beide ist das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko deutlich erhöht. Hauptkennzeichen der schwangerschaftsinduzierten Multiorganerkrankung sind Bluthochdruck und verstärkte Eiweißausscheidung im Urin. Außerdem leiden die Frauen häufig unter Ödemen.

 

Aus den Anfangsbuchstaben der englischen Worte »hypertension, proteinuria, edema« leitet sich der früher oft gebrauchte, einprägsame Begriff EPH-Gestose ab. In Fachkreisen wird er kaum noch verwendet, da Ödeme auch bei gesunden Schwangeren vorkommen und bei Frauen mit schwerer Präeklampsie fehlen können. Außerdem beeinflusst die Menge der Wasseransammlungen im Gewebe kaum die Prognose. Bestimmend für die Häufigkeit von Komplikationen bei Mutter und Kind ist das Ausmaß von Hypertonie und Proteinurie (1).

 

Die Präeklampsie gehört zum Komplex der hypertensiven Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES). Im Gegensatz zur chronischen Hypertonie und zur Pfropf-Präeklampsie treten die Symptome bei der Präeklampsie und ihren schweren Verlaufsformen Eklampsie und HELLP-Syndrom in der Regel erst nach der 20. Schwangerschaftswoche auf.

 

Lebensbedrohliche Präeklampsie

 

Warum der Blutdruck bei manchen Schwangeren plötzlich ansteigt, ist bis heute nicht geklärt. Charakteristisch ist eine Engstellung der Gefäße (Vasokonstriktion), was vor allem den diastolischen Blutdruck erhöht (2). In der Folge kann der Blutstrom in nahezu jedem Organ krankhaft vermindert sein. Gewöhnlich sind die Nieren betroffen und zeigen dies durch vermehrte Eiweißausscheidung an.

 

Besonders schwer sind die Folgen, wenn die Leber in Mitleidenschaft gezogen ist (HELLP-Syndrom) oder im Zentralnervensystem Hirnödeme oder Mikroblutungen (Eklampsie) auftreten. Bei einer schweren Präeklampsie muss man immer damit rechnen, dass sich der Zustand der Mutter innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich verschlechtert. Weltweit sterben jährlich etwa 50.000 Schwangere an Präeklampsie und ihren Folgen (3).

 

Auf das Ungeborene kann sich eine Präeklampsie ebenso drastisch auswirken, da in der Regel auch die uteroplazentare Durchblutung gedrosselt ist. Durch die Mangelversorgung mit Sauerstoff kann es zu Entwicklungsverzögerungen (intrauterine Wachstumsretardierung) bis hin zum intrauterinen Fruchttod kommen, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK). So ist die Zahl der tot geborenen oder in den ersten sieben Lebenstagen verstorbenen Kinder bei einer Präeklampsie fünffach höher als bei einer normalen Schwangerschaft. Bei einer schweren Präeklampsie/Eklampsie steigt die perinatale Mortalität sogar auf etwa 20 Prozent.

 

Wichtige Risikofaktoren

 

In Westeuropa und den USA tritt die Präeklampsie bei fünf bis zehn Prozent der Schwangeren auf (1). Bis heute fehlt ein einfacher prognostischer Marker, mit dem sich die Erkrankung bereits vor Ausprägung klinischer Symptome sicher vorhersagen lässt. Der frühe Verdacht auf eine Hochrisikoschwangerschaft stützt sich fast ausschließlich auf Indizien, wobei die Abklärung von Risikofaktoren besonders wichtig ist.

 

Vor allem sehr junge Mütter und Erstgebärende über 35 Jahre sind gefährdet und sollten daher sorgfältig betreut werden. Offensichtlich beeinflusst auch das kindliche Genom die Entwicklung der HES, denn sowohl Frauen als auch Männer, die aus einer Schwangerschaft mit Präeklampsie stammen, haben ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko, selbst Eltern von Kindern zu werden, die nach einer Schwangerschaft mit Präeklampsie geboren werden. Mit nahezu 40 Prozent ist das familiäre Risiko besonders hoch, wenn die Schwester der zukünftigen Mutter eine Präeklampsie hatte. Weitere Risiken sind Mehrlingsschwangerschaft oder eine HES in einer früheren Gravidität. Außerdem kann eine Erkrankung der werdenden Mutter an Diabetes mellitus, Lupus erythematodes, chronischer Hypertonie, Nierenleiden oder Adipositas die Entwicklung einer Präeklampsie begünstigen.

 

Vermutlich löst das Zusammenspiel mehrerer Faktoren die Erkrankung aus. So wird in Fachkreisen immer wieder über genetische Dispositionen wie die Faktor-V-Leiden-Mutation diskutiert. Dabei handelt es sich um eine Punktmutation im Faktor-V-Gen mit Auswirkungen auf die Gerinnungsfähigkeit des Bluts. Durch die unvollständige Spaltung eines aktivierten Proteins (APC-Resistenz) wird die Gerinnung nicht mehr unterbrochen und die Thrombosegefahr steigt wesentlich. Insbesondere bei Patientinnen mit schwerer Präeklampsie ist eine Faktor-V-Leiden-Mutation häufig feststellbar (16). Außerdem werden Störungen der Interaktion zwischen kindlichem und mütterlichem Immunsystem angenommen. Ist das Kind erst auf der Welt, klingen die Beschwerden der Mutter in der Regel innerhalb weniger Tage wieder ab.

 

Warnhinweise ernst nehmen

 

Eine schnelle Gewichtszunahme mit mehr als 500 Gramm pro Woche und eine rasche Ödementwicklung an Händen und Gesicht der Schwangeren sind Warnsignale einer drohenden Präeklampsie, mahnt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Auch wenn das kindliche Wachstum nicht dem geschätzten Schwangerschaftsalter entspricht, sollte man eher eine Klinikeinweisung planen als den Zeugungstermin rechnerisch korrigieren. Durch regelmäßige Ultraschalluntersuchungen lässt sich der Wachstumsfortschritt des Kindes leicht überprüfen. Außerdem wird im Zweifelsfall mit Hilfe der Dopplersonographie die feto-plazentare Durchblutung kontrolliert.

 

Laborwerte, die auf eine Störung der Nieren- und Leberfunktion hinweisen, sowie eine auffällige Thrombozytenzahl beziehungsweise plasmatische Gerinnung sind ebenfalls sehr ernst zu nehmen. Auch Kopfschmerzen, Schwindel, Augenflimmern sowie Oberbauchbeschwerden mit Übelkeit und Erbrechen können eine schwere Präeklampsie anzeigen.

 

Dagegen wird der Blutdruck selbst häufig erst sehr spät auffällig. Im ersten Schwangerschaftsdrittel und besonders in der Mitte der Gravidität sinkt bei allen Frauen der arterielle Blutdruck (zwischen der 16. und 20. SSW um bis zu 17 mmHg), da durch den Einfluss von Progesteron und Prostacyclin der periphere Gefäßwiderstand abnimmt. Gleichzeitig steigt die Herzfrequenz. Erst gegen Ende des letzten Trimenons erreichen die Druckwerte bei gesunden Frauen wieder ihr normales Ausgangsniveau. Somit kann bereits ein mittlerer arterieller Druck über 90 mmHg in der 16. bis 24. Schwangerschaftswoche auf eine HES hinweisen. Jeglicher Verdacht muss überprüft werden! Dabei ist vor allem eine 24-Stunden-Blutdruckmessung wichtig, denn sehr häufig kommt es bei einer Präeklampsie zu einer Umkehr des Tag-Nacht-Rhythmus. Dann leiden die Frauen nicht am Tag, sondern in der Nacht unter Blutdruckspitzen.

 

Eklampsie und HELLP-Syndrom

 

Eklampsie und HELLP-Syndrom (Hemolysis, elevated liver enzymes, low platelets counts) sind seltene, aber besonders schwere Verlaufsformen der Schwangerschaftshypertonie. In westlichen Industrienationen wird die Häufigkeit der Eklampsie auf etwa 0,1 Prozent aller Schwangerschaften geschätzt. Das HELLP-Syndrom tritt bei bis zu 14 Prozent aller Präeklampsien/Eklampsien auf.

 

Vor allem in den letzten Wochen vor der Geburt muss bei einer bestehenden Präeklampsie mit dem blitzartigen Auftreten von tonisch-klonischen (schüttelnden-muskelzusammenziehenden) Krampfanfällen gerechnet werden, die das Krankheitsbild der Eklampsie kennzeichnen. Während der Krämpfe tritt oft Schaum vor dem Mund aus, was an einen epileptischen Anfall erinnert. Es kommt zu Bewusstlosigkeit, Atemstillstand und einer krampfartigen Kontraktion der Kehlkopfmuskulatur. Bis zu 20 Prozent der Frauen sterben daran.

 

Vor den ersten Krämpfen leiden die Frauen zumeist unter Kopfschmerzen, Sehstörungen, Übelkeit und Erbrechen. Auch Beschwerden im Bauch können auf einen bevorstehenden Anfall hindeuten. Da bei knapp einem Drittel der Betroffenen die Krampfanfälle auftreten, ohne dass zuvor eine Präeklampsie bekannt war (3), sollten Schwangere besonders auf Symptome wie Kopfschmerzen, Ohrensausen, Schwindelgefühl und Augenflimmern achten.

 

Auch das HELLP-Syndrom kann sich ohne die klassischen Merkmale der Präeklampsie entwickeln (6). Einige Autoren gehen sogar von einer eigenständigen Erkrankung aus. Bei den meisten Frauen tritt das HELLP-Syndrom in der 32. bis 34. Schwangerschaftswoche auf, wobei vor allem die Durchblutung der Leber gestört ist. Schmerzen im rechten Oberbauch sind wichtige Warnsignale! Oft ist allein dieses Leitsymptom richtungsweisend für die Diagnose. Laborchemisch zeigt sich das HELLP-Syndrom als typischer Dreiklang von Gerinnungsstörungen, pathologischen Leberenzymwerten und Thrombozytenabfall. Niereninsuffizienz, intrazerebrale Blutungen und Leberruptur sowie eine vorzeitige Plazentaablösung mit Atemstillstand des Feten gehören zu den schwersten Komplikationen. Eine Leberruptur überlebt nur etwa die Hälfte der Frauen.

 

Komplikationen vorbeugen

 

Da die Ursachen der Erkrankung noch weitgehend unbekannt sind, gibt es keine kausale Therapie bei Präeklampsie. Häufig ist die vorgezogene Entbindung die einzige Möglichkeit, schwere Schäden von Kind und Mutter abzuwenden. Rund 15 Prozent aller Frühgeburten in Deutschland gehen auf das Konto solcher Maßnahmen. Dabei steigt die Überlebenschance der Frühchen mit jeder gewonnenen Schwangerschaftswoche.

 

Eine Präeklampsie lässt sich nicht heilen. Behandlungsziel ist die Stabilisierung von Mutter und Kind bis zur Entbindung (2, 16). Während bei einer leichten Präeklampsie und nur einem auffälligen Symptom (Hypertonie unter 140/90 mmHg oder Proteinurie unter 0,3 g/l) Mutter und Kind engmaschig ambulant überwacht werden, ist beim gemeinsamen Auftreten beider Symptome eine stationäre Überwachung angesagt. Dies gilt auch, wenn das Leben des Kindes bedroht ist, zum Beispiel durch eine zu schwache Durchblutung der Aorta uterinae oder zu wenig Fruchtwasser.

 

Noch konzentriert sich die Versorgung von Risikoschwangeren weitgehend auf die Prophylaxe, die möglichst früh beginnen soll, und eine intensive Überwachung von Mutter und Kind. So wird beispielsweise niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (ASS) seit etwa 20 Jahren bei Präeklampsie und Wachstumsretardierung (IUGR, intrauterine growth retardation) eingesetzt (16). Bei bekanntem Risiko sollte die Frau möglichst schon im ersten Trimenon mit der Einnahme in ausreichender Dosierung beginnen (Empfehlung der DGK: 100 mg ASS täglich). Eine erhöhte Blutungsgefahr bestätigte sich in Studien nicht. Dagegen raten Experten, besonders in der zweiten Schwangerschaftshälfte auf eine vorzeitige Plazentaablösung zu achten, obwohl es hierfür keinen wissenschaftlich signifikanten Nachweis gibt.

 

Auch niedermolekulare Heparine werden seit mehr als 20 Jahren erfolgreich zur Präeklampsie- und IUGR-Prophylaxe eingesetzt (8). Der genaue Wirkmechanismus ist unbekannt. Vermutlich spielt auch der leicht antiinflammatorische Effekt von Heparin eine Rolle.

 

Die sorgfältige Überwachung von Mutter und Kind lohnt sich. In den letzten zehn Jahren konnte allein beim HELLP-Syndrom die mütterliche Letalität in den westlichen Ländern auf unter ein Prozent und die kindliche (perinatale) Mortalität auf 16 Prozent gesenkt werden (7).

 

Therapie bei Schwerkranken

 

Bei einer schweren Präeklampsie muss die Frau generell in die Klinik. Zu den Kennzeichen einer schweren Präeklampsie gehören neben einem erhöhten Blutdruck (über 140/90 mmHg) und erhöhter Eiweißausscheidung (über 0,3 g/l) auch Symptome wie Thrombozytopenie, erhöhtes Serumkreatinin und Störung des kindlichen Wachstums.

 

Strikte Bettruhe ist dann angesagt. Um die Durchblutung von Uterus, Plazenta und Niere zu verbessern, sollte die Frau vorwiegend auf der linken Seite liegen. Ruhe, kein Stress, ausgewogene eiweißreiche Ernährung und viel Flüssigkeit gehören ebenfalls zu den empfohlenen Maßnahmen. Dagegen sollte alles vermieden werden, was die zirkulierende Blutmenge vermindern kann. So gelten entwässernde Tees, Reis-Obst-Tage und kochsalzarme Kost inzwischen als schädlich.

 

Bei einer schweren Präeklampsie und einem HELLP-Syndrom sollte die Schwangerschaft ab der 34. Woche durch eine Schnittentbindung beendet werden (7). Zuvor kann die Lungenreife des Feten mit Glucocorticoiden wie Bethametason induziert werden, um ein Atemnotsyndrom beim Neugeborenen zu verhindern (4).

 

Leiden die Frauen unter einer schweren Präeklampsie oder unter zentralnervösen Symptomen, ist außerdem eine Krampfprophylaxe nötig. Magnesiumsulfat ist heute das Mittel der Wahl. Bereits seit 1906 wird es eingesetzt und war 1990 in zwei großen Multicenterstudien Diazepam und Phenytoin überlegen (3). Initial werden 4 bis 6 g Magnesiumsulfat als Kurzinfusion über 15 bis 20 Minuten gegeben, anschließend erfolgt eine Erhaltungstherapie mit 1 bis 2 g/h. Auf Grund der toxischen Wirkung von Magnesium sollten Kontrollparameter wie Atemfrequenz oder Urinausscheidung überwacht werden und Calciumgluconat als Antidot bereitliegen (6).

 

Bei anhaltend hohem Blutdruck ist eine antihypertensive Therapie zum Schutz der Mutter angezeigt. Ziel ist es, den Blutdruck auf Werte zwischen 140 bis 160/90 bis 100 mmHg zu senken. Mittel der Wahl für die orale Langzeittherapie ist α-Methyldopa. In zweiter Linie werden Dihydralazin und β1-selektive Blocker eingesetzt. Dagegen sind Diuretika umstritten, da sie das schon reduzierte Blutvolumen der Schwangeren weiter verringern. ACE-Hemmer und AT1-Antagonisten sind auf Grund ihres teratogenen Potenzials und des Risikos einer fetalen Niereninsuffizienz kontraindiziert.

 

Im hypertensiven Notfall gelten schnell resorbierbares Nifedipin, Dihydralazin oder Urapidil als Mittel der Wahl (5, 6). Vorsicht ist bei gleichzeitiger Medikation mit Magnesiumsulfat geboten. Dieses kann die Wirkung von Calciumantagonisten wie Nifedipin potenzieren und eine abrupte schwere Hypotonie verursachen. Während der Behandlung wird die Herzschlagfrequenz des Ungeborenen mit Hilfe des CTG überwacht, da eine zu rasche Blutdrucksenkung das Kind gefährden kann.

 

Schäden durch Infektionen

 

Viele bakterielle, virale und parasitäre Infektionen sind für gesunde Menschen kaum ein Problem, wohl aber in der Schwangerschaft. Beispielsweise kann bereits eine kleine Verschiebung des normalen Keimspektrums in der Scheide schwere Komplikationen auslösen. Andere Infektionen schwächen die Frau, führen zu pathologischen Schwangerschaftsverläufen, begünstigen Frühgeburten und verursachen Erkrankungen des Kindes (1). Manche Spätschäden treten erst nach Jahrzehnten auf.

Tabelle: Kontraindizierte und erlaubte Schutzimpfungen in der Schwangerschaft

Impfstoff Infektionskrankheit
kontraindizierte Lebendimpfstoffe Masern, Mumps, Röteln, Varizellen, Gelbfieber, Cholera
erlaubt: Toxoide, Tot- und Subunit-Impfstoffe Tetanus, Diphtherie, Poliomyelitis, Hepatitis A und B, Influenza A und B, Zeckenenzephalitis (FSME), Tollwut, Typhus, Meningokokken- und Pneumokokkeninfektion

nach (1)

Mit Schutzimpfungen kann man vielen viralen und bakteriellen Infektionen vorbeugen (Tabelle). Mindestens drei Monate sollten zwischen einer Impfung mit Lebendimpfstoffen und dem Beginn einer Schwangerschaft liegen, um embryonale Infektionen zu vermeiden. Bei Bedarf ist in der Schwangerschaft eine Immunisierung mit Toxoiden, Tot- und Subunit-Impfstoffen möglich.

 

Bakterielle Vaginose

 

»Man nimmt an, dass bis zu 40 Prozent aller Frühgeburten auf Infektionen zurückgehen, die überwiegend im Vaginalbereich der Schwangeren ihren Ursprung nehmen«, sagte Professor Dr. Karsten Harms vom Klinikum Hildesheim in Lübeck (17). Bakterielle Vaginosen zählen zu den häufigsten vermeidbaren Ursachen für Frühgeburten vor der 32. Woche. Die Überlebenschancen sind vor allem bei sehr jungen Frühgeborenen kritisch.

In der Vagina herrscht normalerweise ein Gleichgewicht zwischen physiologischer und pathogener Bakterienflora (9). Mikroorganismen wie Laktobazillen sorgen für einen guten Schutz gegenüber fremden Keimen, indem sie ein stark saures Milieu produzieren. Wird dieses Schutzsystem gestört, verschiebt sich das Keimspektrum und eine atypische Besiedlung gewinnt die Oberhand. Vor allem Anaerobier wie Gardnerella vaginalis, Staphylococcus aureus und Streptokokken breiten sich dann aus (10).

 

Die Ursachen der Scheideninfektion sind noch nicht bekannt, jedoch erkranken bis zu 20 Prozent der Schwangeren daran. Manche bemerken dies an Rötungen, Jucken oder Brennen in der Scheide. Als sichere Kennzeichen der Infektion gelten ein dünner homogener Ausfluss, der einen fischartigen Geruch verbreiten kann, und ein pH-Wert in der Vagina über 4,5.

 

Zur Therapie wird Metronidazol eingenommen sowie Metronidazol-Vaginaltabletten oder Clindamycin-Vaginalcreme lokal eingesetzt (11). Jedoch soll nach neueren Untersuchungen bei Frauen, die bereits eine Frühgeburt hatten (Hochrisikopatientinnen), nur eine systemische Therapie effektiv sein.

 

Durch eine zeitige Behandlung können die Folgen der bakteriellen Vaginose, zum Beispiel vorzeitiger Blasensprung, vorzeitige Wehen, Fieber unter der Geburt und Entzündung der Gebärmutterschleimhaut nach der Geburt, weitgehend verhindert werden. Die frühe Erkennung von Risikopatientinnen ist auch hier entscheidend für den Verlauf.

 

Als besonders erfolgreich gilt die von Professor Erich Saling vor einigen Jahren entwickelte Selbstvorsorge-Strategie. Dabei messen die Schwangeren mit speziellen Messhandschuhen zweimal wöchentlich den vaginalen pH-Wert und achten auch auf andere Warnhinweise. Bei Auffälligkeiten oder einem pH-Wert über 4,5 sollen sie ihren Arzt aufsuchen. In der Thüringer Frühgeburtenvermeidungsaktion, an der über 16.000 Frauen teilnahmen, sanken sowohl die Frühgeburtenrate (8,1 versus 12,3 Prozent) als auch die Zahl der Frühchen, die vor der 32. Schwangerschaftswoche auf die Welt kamen (0,3 versus 3,3 Prozent), deutlich (12).

 

Toxoplasmose

 

Eine Erkrankung, die Monate und manchmal sogar erst Jahre nach der Infektion ihr wahres Gesicht zeigt, ist die pränatal erworbene Toxoplasmose. Nur bei einer Erstinfektion der Mutter können die Erreger Toxoplasma gondii über Placenta und Nabelschnur in den kindlichen Organismus gelangen. Da sich die Parasiten sehr langsam vermehren, ist die Latenzzeit mit 12 bis 14 Wochen relativ lang; in dieser Zeit ist der Antigenreiz nicht so groß und der Körper der Schwangeren bildet noch keine spezifischen Antikörper. »In dieser Zeit ist das Ungeborene ungeschützt«, sagte Professor Dr. Klaus Friese vom Klinikum der Universität München (16).

 

Die kindliche Prognose hängt vor allem von der immunologischen Kompetenz der Mutter, der Erregerlast und dem Zeitpunkt der Infektion ab. Bei massivem Befall sind Fehl-, Früh- und Totgeburten die Folge. Je weiter die Schwangerschaft fortgeschritten ist, umso größer ist die Infektionsgefahr für das Ungeborene. Im letzten Trimenon sind sogar bis zu 60 Prozent der Kinder betroffen, deren Mütter eine Erstinfektion erleben. Gleichzeitig verringert sich jedoch ihr Risiko, schwere Schäden davonzutragen.

 

Oft sehen weder Geburtshelfer noch Pädiater einem Neugeborenen die Toxoplasmose an, höchstens der Augenarzt, denn retinochorioiditische Narben gehören zu den klassischen Symptomen. Spezifisch ist ein Hydrocephalus, manchmal lassen sich auch Verkalkungen im Gehirn nachweisen. Oft entwickeln die im Mutterleib infizierten Kinder erst nach dreißig Jahren massive Beschwerden. Neben Entzündungen im Auge (Chorioretinitis) können Symptome wie Epilepsie, mentale Retardierung und Lähmungserscheinungen auf Grund des entstandenen Hirnschadens auftreten (1, 16).

 

Etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung hat eine Toxoplasmose durchgemacht, meist ohne dies zu bemerken. Andere leiden höchstens unter grippeähnlichen Symptomen. Da Frauen im Rahmen der Mutterschaftsrichtlinien gegenwärtig nur bei begründetem Verdacht auf Toxoplasmose untersucht werden, sollten Schwangere auf Lymphknotenschwellungen und uncharakteristisches Fieber achten, da diese eine akute Infektion mit den Protozoen anzeigen können.

 

Die Untersuchungen bestehen aus einer umfangreichen Labordiagnostik mit Erregernachweis über die Polymerasekettenreaktion (PCR) im Fruchtwasser. Ist auch das Ungeborene infiziert, wird bis zum Ende der Schwangerschaft behandelt. Abhängig vom Schwangerschaftsalter ist Spiramycin oder Sulfodiazin und Pyrimethamin im Wechsel mit Spiramycin Mittel der Wahl. Um einer Hemmung der Hämatopoese vorzubeugen, wird bei der Kombitherapie prophylaktisch Folinsäure gegeben. Im Frühstadium einer Schwangerschaft kann ein Abbruch erwogen werden (16).

 

Vorbeugen können Frauen, indem sie auf den Verzehr von rohem oder rosa gebratenem Fleisch verzichten. Vor allem in Schafs- und Schweinefleisch kommen die Zysten von Toxoplasma gondii vor (13). Besondere Gefahr geht außerdem von Katzenkot aus. Im Darm der Tiere können sich die Protozoen besonders gut vermehren. Das Ausleeren von Katzentoiletten sollten Schwangere daher anderen überlassen und auch auf Spielplätzen und im Garten bei Erdarbeiten besonders vorsichtig sein. Durch gründliches Händewaschen kann eine Finger-Mund-Übertragung verhindert werden. Außerdem sollten rohes Gemüse und Früchte vor dem Verzehr gewaschen werden.

 

Zytomegalie

 

Ebenso tückisch wie die Protozoen-Erkrankung ist die häufigste Virusinfektion in der Schwangerschaft, die Zytomegalie. Kaum eine werdende Mutter bemerkt etwas, wenn sie sich mit Zytomegalie-Viren (CMV) infiziert. Rund 60 Prozent der Bevölkerung tragen den Erreger aus der Familie der Herpesviren und verbreiten ihn über Geschlechtsverkehr, infizierten Speichel oder Schmierkontakte. Ein lang anhaltender Infekt mit unklaren grippeähnlichen Symptomen kann ein Indiz für eine Zytomegalie sein.

 

Abhängig vom Immunstatus der Frau sind in der Schwangerschaft vor allem die Kinder bedroht. Besonders gefährlich wird es, wenn sich die Mutter frisch infiziert und erstmalig erregerspezifische IgG-Antikörper bildet. Dann kann es mehrere Tage dauern, bis das Ungeborene über die Immunantwort der Mutter geschützt ist.

 

Ein Prozent der Schwangeren in Deutschland ist jährlich davon betroffen, etwa die Hälfte bringt CMV-infizierte Kinder zur Welt. Jedes Jahr werden etwa 2200 infizierte Babys geboren; bei etwa 500 prägen sich im Lauf ihres Lebens schwere Schäden aus (14). Jedoch zeigen nur rund 10 Prozent der Neugeborenen klinische Symptome, die anderen erscheinen auf den ersten Blick völlig gesund. Doch das Virus sorgt für Fehlbildungen und Narben im Gehirn. Geistige und körperliche Entwicklungsrückstände, Intelligenzdefekte, Sprachstörungen und Taubheit gehören zu den Spätschäden, die oft erst nach Jahren bemerkt werden. So ist die Zytomegalie eine der häufigsten Ursachen für Taubheit im Kindesalter.

 

Frühschäden des kongenitalen CMV-Syndroms sind zu kleine Schädel, Meningitis, Neugeborenenkrämpfe, vergrößerte Milz und Leber, Bauchwassersucht und Thrombozytopenie. Jedes zehnte Baby stirbt an den Folgeschäden (1). Außerdem muss mit einem höheren Frühgeburtsrisiko und einer Wachstumsretardierung gerechnet werden.

 

Kommt es in der Schwangerschaft zu einer Erstinfektion, werden Hyperimmunglobuline zur passiven Immunisierung gespritzt. In einer Kohortenstudie konnte gezeigt werden, dass diese das Risiko einer angeborenen CMV-Erkrankung verringern und für Mutter und Kind sicher sind (15). Im ersten und zweiten Schwangerschaftsdrittel wird auch über eine Abruptio nachgedacht, da eine Erstinfektion in dieser Zeit bei bis zu 15 Prozent der infizierten Feten zu schweren Schäden führt.

 

Da es keine Schutzimpfung gibt, besteht die CMV-Vorsorge vor allem darin, Schwangere mit fehlendem Immunschutz zu erkennen. Da Kinder eine wichtige Quelle für das Virus darstellen, sollten werdende Mütter besonders nahe Kontakte zu fremden Kindern meiden. Außerdem ist es sinnvoll, Beschäftigte in Kindertagesstätten, neonatologischen und pädiatrischen Einrichtungen in eine Abteilung mit Kindern zu versetzen, die älter als drei Jahre sind, da diese weniger Virus im Urin und Speichel ausscheiden als infizierte jüngere Kinder. Auch im sexuellen Verkehr mit Männern sollten seronegative Schwangere vorsichtig sein.

 

Verschleierte Gefahren

 

Weder eine Präeklampsie noch Infektionskrankheiten wie eine bakterielle Vaginose, Toxoplasmose oder Zytomegalie zeigen gleich zu Beginn ihr wahres Gesicht. Lange Zeit erscheinen die Beschwerden eher harmlos, wenn die Schwangere sie überhaupt bemerkt. Und doch gehören sie zu den gefährlichsten Erkrankungen in der Schwangerschaft. Umso wichtiger ist es, Warnzeichen und Vorsichtsmaßnahmen zu kennen, regelmäßig die Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen und im Zweifelsfall den Arzt aufzusuchen.

Literatur und Anmerkungen

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Rath, W., Friese, K., Erkrankungen in der Schwangerschaft. Thieme Verlag, Stuttgart 2005, S. 525.

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Klockenbusch, W., Einführung in die Thematik Präeklampsie. MedReport Nr. 49 (2005) 5.

Deutsche Hochdruckliga e. V., Leitlinien für die Prävention, Erkennung, Diagnostik und Therapie der arteriellen Hypertonie. AWMF-online Nr. 046/001 (2004).

Rath, W., et al., Bluthochdruck in der Schwangerschaft. Leitlinien der DGGG. AWMF-online Nr. 015/018 (2002).

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Hoyme, U. B., et al., Aktuelle Aspekte der Thüringer Frühgeburtenvermeidungsaktion. Zentralbl. Gynäkol. 125 (2003) 107-111.

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Nigro, G., et al., Passive Immunization during Pregnancy for Congenital Cytomegalovirus Infection. New Engl. J. Med. 353, Nr. 13 (2005) 1350-1362.

Vorträge auf dem 22. Deutschen Kongress für Perinatale Medizin 2005 in Berlin.

Vorträge auf der 23. Jahrestagung des Arbeitskreises für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin der Küstenländer und Berlins (ANPI) 2005, Travemünde.

 

Die Autorin

Gudrun Heyn arbeitete nach der Promotion in verschiedenen Forschungseinrichtungen, darunter am Kernforschungszentrum Karlsruhe und beim Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung. Sie hatte Lehraufträge an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Freien Universität Berlin. In Fachpublikationen veröffentlichte sie Ergebnisse eigener Forschungen. Seit ihrer Ausbildung als Journalistin ist Dr. Heyn als freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin tätig und behandelt vor allem Themen aus Medizin und Pharmazie.

 

 

Anschrift der Verfasserin:

Dr. Gudrun Heyn

Ferbitzer Weg 33 B

13591 Berlin

gheyn(at)gmx.de

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