| Daniela Hüttemann |
| 16.03.2026 15:54 Uhr |
Bei gleichzeitiger Einnahme mehrerer anticholinerg wirksamer Arzneimittel ist erhöhte Vorischt angezeigt. / © Adobe Stock/Audys
Viele Arzneistoffe haben eine anticholinerge Wirkkomponente, zum Beispiel ältere Antihistaminika und viele Antidepressiva. Nimmt man mehrere solcher Medikamente ein, summieren sich die Effekte als sogenannte anticholinerge Last. Acetylcholin ist der wichtigste Botenstoff des Parasympathikus. Typische Symptome bei hoher anticholinerger Last sind beispielsweise Mundtrockenheit, Probleme beim Wasserlassen und Gangunsicherheit. Bekannt sind auch negative Effekte auf die Kognition, vor allem bei älteren Menschen.
Das parasympathische Nervensystem beeinflusst jedoch auch das Herz-Kreislauf-System. Forschende des Karolinska-Instituts in Stockholm haben nun ermittelt, dass Personen, die häufig oder viele anticholinerg wirksame Medikamente einnehmen, ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben.
Sie schauten sich dazu die Medikation und Verläufe von 508.273 Stockholmerinnen und Stockholmern an, die am Stichtag 1. Januar 2008 mindestens 45 Jahre alt waren und bislang keine kardiovaskuläre Erkrankung hatten (mit Ausnahme von Bluthochdruck). Das Follow-up ging im Mittel über 14 Jahre. In dieser Zeit erlitten 118.266 Personen ein kardiovaskuläres Ereignis.
Laut den im Fachjournal »BMC Medicine« veröffentlichten Ergebnissen war die Wahrscheinlichkeit für ein Herz-Kreislauf-Event umso größer, je höher die jährliche kumulative Dosis an anticholinerg wirksamen Medikamenten war. Bei bis zu 90 definierten Tagesdosen (DDD) stieg das relative Risiko gegenüber überhaupt keiner anticholinergen Medikation um 16 Prozent, bei 90 bis 364 DDD um 31 Prozent und bei mehr als 365 DDD um 71 Prozent. Soziodemografische Faktoren, Lebensstil und klinische Risikofaktoren wurden dabei berücksichtigt und herausgerechnet.
Bezogen auf verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen war das Risiko in der Gruppe mit der höchsten anticholinergen Last vor allem für Herzversagen und Herzrhythmus-Störungen erhöht – um den Faktor 2,70 beziehungsweise 2,17. Aber auch arterielle Erkrankungen, venöse Thromboembolien, Herzinfarkte und zerebrovaskuläre Erkrankungen wie Schlaganfälle traten häufiger auf.
»Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die kumulierte Medikamentenbelastung die Herzregulation beeinflussen kann, nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig«, folgert der korrespondierende Autor Hong Xu in einer Pressemitteilung des Karolinska-Instituts. »Das bedeutet nicht, dass die Medikamente immer vermieden werden sollten, aber dass die Exposition sorgfältig überwacht werden sollte.«