| Annette Rößler |
| 07.04.2026 18:00 Uhr |
Die Schilddrüse steuert viele Körperfunktionen und unterliegt einem fein balancierten Regelkreis. Mit der Gabe des Schilddrüsenhormons L-Thyroxin kann darin medikamentös eingegriffen werden. / © Adobe Stock/Axel Kock
Das Schilddrüsenhormon Levothyroxin (L-Thyroxin) zählt zu den Top 10 der häufigsten verordneten Arzneistoffe. Es wird bei verschiedenen Erkrankungen der Schilddrüse eingesetzt, etwa bei einer Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose). In den vergangenen Jahren sei die zuvor bereits hohe Verordnungshäufigkeit von L-Thyroxin noch weiter angestiegen, berichtet ein Autorenteam um Dr. Janneke Ravensberg von der Universität im niederländischen Leiden aktuell im »JAMA Network«.
Der Grund hierfür sei wahrscheinlich, dass zunehmend auch Patienten mit subklinischer Hypothyreose mit L-Thyroxin behandelt würden, obwohl diese Erkrankung häufig von selbst wieder verschwände und Vorteile für eine medikamentöse Therapie insbesondere bei älteren Patienten nicht belegt seien. Bei einer subklinischen Hypothyreose ist der Wert des Thyreotropins (auch Thyreoidea-stimulierendes Hormon, TSH) erhöht, während die Werte der Schilddrüsenhormone noch im Normbereich liegen.
In einer offenen, prospektiven Studie testeten die Autoren, wie hoch in einem Kollektiv ab 60 Jahren der Anteil von Patienten ist, bei denen L-Thyroxin weggelassen werden kann. Bei den 370 teilnehmenden Personen (medianes Alter 70 Jahre, Frauenanteil 80 Prozent) wurde versucht, die L-Thyroxin-Dosis schrittweise in Sechs-Wochen-Intervallen zu reduzieren und das Medikament schließlich ganz abzusetzen. Nach jedem Dosisreduktionsschritt wurden die Schilddrüsenwerte bestimmt und die nächstniedrigere Dosis nur dann gegeben, wenn die Werte in Ordnung waren.
Beim letzten Follow-up nach einem Jahr hatten 95 von 370 Patienten (25,7 Prozent) L-Thyroxin erfolgreich abgesetzt, ohne dass der TSH-Wert zu stark angestiegen war; auch der Wert des freien Thyroxins lag mit durchschnittlich 1,01 ng/dl im Normbereich. Bei den Patienten, die zuvor nur eine niedrige L-Thyroxin-Dosis eingenommen hatten (50 µg oder weniger), war die Erfolgsquote noch höher: In dieser Gruppe konnte das Medikament bei 56 von 88 Patienten (63,6 Prozent) abgesetzt werden. Bei der Schilddrüsen-bezogenen Lebensqualität zeigte sich im Verlauf der Studie keine Veränderung.
Bei Patienten im Alter über 60 Jahren solle die Notwendigkeit einer L-Thyroxin-Gabe überprüft werden, empfehlen die Autoren. Dies gelte insbesondere für Patienten, die das Schilddrüsenhormon in niedriger Dosis anwenden. Für die Patienten lassen sich auf diese Weise womöglich die tägliche Tablettenlast senken und das Risiko für Interaktionen reduzieren.