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Pflegeheime: Medikationschecks vermeiden Nebenwirkungen

 

Apotheker können die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) in Pflegeheimen deutlich verbessern. Schon durch einfache Interventionen lässt sich hier viel erreichen – doch nur wenn Apotheke, Pflege und Ärzte eng zusammenarbeiten. So fasste Dr. Ulrich Jaehde, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität Bonn, die Ergebnisse von drei Studien zur AMTS in Senioren- und Altersheimen zusammen. Er referierte am Sonntag vor fast 400 Teilnehmern des Wissenschaftlichen Fortbildungstags der Apothekerkammer Westfalen-Lippe in Münster.

In einer 2010 veröffentlichten Studie hatten Jaehde und Kollegen herausgefunden, dass etwa 12,9 unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen pro 100 Heimbewohner pro Monat auftreten. Davon wären etwa 60 Prozent vermeidbar gewesen. Jede dritte Nebenwirkung hatte einen höheren Schweregrad. Vor allem eine Hyperpolymedikation mit mindestens zehn Arzneimitteln sowie eine ungeeignete Dosierung aufgrund eingeschränkter Nierenfunktion ließen das Risiko für eine unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) steigen. Aus ihren Erkenntnissen entwickelten die Forscher eine AMTS-Merkkarte für die Kitteltasche mit typischen UAW und ihren Auslösern sowie Alternativen.

In der folgenden AMPEL-Studie (AMTS bei Einrichtungen der Langzeitpflege) mit 888 Heimbewohnern in 18 Einrichtungen wurden Pflege, Ärzte und Apotheker für UAW bei Heimbewohnern sensibilisiert und geschult. Verdächtige Symptome wurden dokumentiert, mit der AMTS-Merkkarte konnte einfach interveniert und untereinander strukturiert kommuniziert werden. Die Anzahl vermeidbarer UAW konnte von 12 Prozent nach sechs Monaten auf 7 Prozent reduziert werden und lag auch sechs Monate nach Studienende immer noch bei 6 Prozent. Schwierig sei jedoch die nachhaltige Etablierung der relativ zeitaufwendigen Maßnahmen wie täglicher Symptom-Dokumentation und wöchentlicher AMTS-Treffen gewesen, so Jaehde.

In einem dritten Projekt zur «Geriatrischen Medikationsanalyse», an dem auch die AOK Rheinland/Hamburg beteiligt war, wurde nun geprüft, ob es bereits die AMTS erhöht, wenn ein Apotheker regelmäßig die Medikation der Heimbewohner überprüft. Es nahmen 13 Apotheken und 94 Patienten in 17 Pflegeheimen teil. 154 arzneimittelbezogene Probleme dokumentierten die Apotheker, vor allem Interaktionen, potenziell inadäquate Medikationen aufgrund des Alters, falsche Dosierungen sowie ungeeignete Arzneiformen, Therapiedauern oder Einnahmezeitpunkten. Fast jedes dritte Problem konnte gelöst werden, vor allem durch Dosisanpassungen, Absetzen ungeeigneter oder unnötiger Arzneistoffe sowie Änderungen von Einnahmezeitpunkt oder Applikationsform.

«Das zeigt, dass Apotheker durch einfache Interventionen etwas erreichen können», ermunterte Jaehde die Fortbildungsteilnehmer, auch selbst aktiv zu werden. Um unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu vermeiden, sollten die Arzneimittel sorgfältig ausgewählt, die Dosis wenn nötig angepasst und die gesamte Medikation regelmäßig (mindestens einmal jährlich) überprüft werden. (dh)

 

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AMTS-Merkkarte zum Download (externer Link)

Serie AMTS: Rote Karte für riskante Arzneien, PZ 28/2013

Polymedikation bei Senioren: Merkkarte unterstützt Apotheker, Meldung vom 27.05.2016

 

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20.11.2017 l PZ

Foto: Fotolia/Gundolf Renze