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Senioren: Vorsicht vor anticholinergem Syndrom

 

Einer der häufigsten Gründe, warum Medikamente für ältere Patienten wenig oder nicht geeignet sind, ist die Auslösung eines anticholinergen Syn­droms. Viele Arzneistoffklassen haben anticholinerge Effekte, erklärte Dr. Nina Griese-Mammen, Leiterin der Abteilung Wissenschaftliche Evaluation bei der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apotheker­ver­bände in Berlin, beim Fortbildungskongress anlässlich des 11. Sächsischen Apothekertags in Chemnitz. Ein wichtiges Hilfsmittel, um eine «potenziell inadäquate Medikation» (PIM) zu erkennen, sei die Priscus-Liste. 

 

Im Alter reagiere das zentrale und periphere cholinerge System des Menschen empfindlicher auf Störungen, informierte die Apothekerin. Da die Symptome an vielen Organen und unterschiedlich stark auftreten können, wird das Syndrom oft nicht erkannt. «Oder denken Sie gleich an ein anticholinerges Syndrom, wenn ein älterer Kunde über Störungen des Nahsehens, Mundtrockenheit oder Obstipation klagt?» Andere Probleme können Miktionsstörungen, verminderte Schweißbildung, Tachykardie oder Schwindel, Angst und Verwirrtheit sein. Solche zentralnervösen Symptome werden unter Umständen mit Antipsy­chotika behandelt, die das Syndrom weiter verstärken können. «So entsteht ein Teufelskreis.»

 

Zu den anticholinerg wirksamen Arzneistoffklassen gehören Antihistaminika wie Clemastin, Dimetinden, Chlorphenamin und Triprolidin, die in der Selbst­medikation bei allergischer Rhinitis, Urtikaria oder Kopf- und Gliederschmerzen eingesetzt werden. Dimenhydrinat und Doxylamin helfen als Antiemetika. Griese-Mammen: «Überlegen Sie sich im Team, welche Alternativen Sie älteren Kunden anbieten wollen.» Ein weiteres potenzielles Problem bei Antihistaminika sind kardiale Nebenwirkungen wie die QT-Zeit-Verlängerung. Trizyklische Antidepressiva findet man in der Priscus-Liste, weil sie ebenfalls anticholinerg wirken und das Sturzrisiko erhöhen. Als Alternativen (bei Depression) werden SSRI wie Citalopram und Sertralin, Mirtazapin und nicht-medikamentöse Maßnahmen genannt. Auch Spasmolytika und Neuroleptika können anticholinerge Nebenwirkungen auslösen und gelten daher als PIM.

 

Apotheker sollten vor allem für Senioren mit Polymedikation eine Medikationsdatei führen, sagte Griese-Mammen. Hier kann man erkennen, ob ein Patient ein oder mehrere Arzneimittel mit anticholinergen Effekten einnimmt. Ferner sollte das Apothekenteam OTC-Arzneimittel kritisch bewerten, neue Beschwerden bei älteren Kunden hinterfragen und Schulungen zur Priscus-Liste in Alten- und Pflegeheimen anbieten. (bmg)

 

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Foto: Fotolia/Raths