| Paulina Kamm |
| 19.02.2026 17:00 Uhr |
von links: Thomas Seufferlein, Ullrich Graeven, Antonius Helou, Beatrix Schwörer, Nora Tabea Sibert, Gerd Nettekoven und Michael Baumann sprechen über Prävention. / © PZ/Paulina Kamm
Moderator Thomas Seufferlein (Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft) und Moderatorin Nora Tabea Sibert von der Uniklinik Düsseldorf luden heute am zweiten Tag des Deutschen Krebskongresses zum Präventionsgipfel. Nach einem Impulsvortrag von Michael Baumann fanden sich Ullrich Graeven, Antonius Helou, Beatrix Schwörer, Gerd Nettekoven und die Moderation zu einer Paneldiskussion zusammen.
Weitestgehend waren sich die Teilnehmenden an der Paneldiskussion einig: Die Problematiken bestehen seit mehreren Dekaden, das Wissen darüber auch, nur die Maßnahmen bleiben aus. Bereits heute könnte man laut Michael Baumann, Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), durch Primärprävention 40 Prozent der Krebserkrankungen vermeiden. Bezieht man die Früherkennung mit ein, könnte man sogar 60 Prozent der krebsassoziierten Todesfälle verhindern. Doch woran scheitert die Prävention?
Evidenz sei da, nur die Implementierung hapere, denn nur 50 Prozent des Wissens der World Health Organisation (WHO) werde überhaupt in die Praxis eingesetzt, so Baumann. Strukturelle Hindernisse seien hier vor allem die Wurzel des Problems: Prävention findet laut Baumann häufig via Projektarbeit statt, also kurze Laufzeit, mangelnde dauerhafte Eingliederung und keine langfristige Verbesserung. »Notwendig wäre die Übersetzung von Evidenz in klare politische Optionen, regelmäßiges Monitoring und ein klares Verständnis der Gesamtbevölkerung im Sinne eines Kulturwandels hin zu einem präventiven Gesundheitswesen und nicht ein Reperaturwesen«, so Baumann.
Während Beatrix Schwörer, Leiterin der Abteilung Medizin im Wissenschaftsrat, für mehr Implementierungsforschung, bessere Gesundheitskommunikation und verständliche, kultursensible und zielgruppengerechte Gesundheitsinformationen plädierte, wünschte sich Gerd Nettekoven, ehemaliger Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krebshilfe, mehr Nähe zur Politik: »Mir fehlt die politische Klammer, wir brauchen wirklich ein politisches Bekenntnis für das Thema Prävention«.
»Verhältnis- und Verhaltensprävention müssen zusammen wirken«, so Schwörer. Die Forderung nach genereller politischer Systematik und Struktur hinsichtlich Prävention wurde im Laufe der Diskussion wiederkehrend laut. »Ein Problem, das wir alle überwinden müssen, ist, Krebsprävention heißt für die meisten von uns Lebensstiländerung. Und wenn man Anfang des Jahres versucht hat, abzunehmen, weiß man, wie lange die Lebensstiländerung anhält«, so Ullrich Graeven von den Kliniken Maria Hilf. Auch er wünsche sich mehr Kontinuität beginnend in den Schulen, Kindergärten und Betrieben. Moderator Seufferlein bezeichnete eine Änderung der Lehrpläne durchzusetzen als »dickes Brett«.
Antonius Helou als Vertreter der Krebsreferates vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) beteuerte, die Möglichkeiten des BMG hinsichtlich Prävention seien begrenzt. Man habe sich allerdings dann doch entschieden, die Primärprävention in die Neuauflage des Nationalen Krebsplans »mit aufzunehmen«. Er sehe Hoffnung in der »Krebs-Community«: »Es gibt keine Community, die besser organisiert und schlagkräftiger ist und auch stärker diese Rammbock-, Pionier- und Treiberfunktion hat«, so Helou. Das BMG übernehme Vermittlungsaufgaben: Zwischen den Ländern, zwischen Befürwortenden und Früherkennungskritisierenden und unter den die Gesundheit beeinflussenden Ressorts.
Helou machte darauf aufmerksam, wie essenziell es sei, die sozialen Ungleichheiten zu beseitigen. »Eine gute Sozialpolitik und soziale Gerechtigkeit sind die wichtigste Determinanten für Geusndheit und Lebenserwartung«, so Helou. Auch die Verhältnismäßigkeit und Prakmatismus müssen ihren Stellenwert haben. Er sprach von einer »hedonistischen Prävention«, denn lieber Cola light statt Cola, wenn eine Umstellung auf Wasser für die Person ausgeschlossen ist.
»Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem einfach nur reden nicht mehr reicht«, fasste Baumann zusammen und verwies damit auf die Kluft in Deutschland: Ein reiches Gesundheitswesen, das dennoch seit Jahren am Rand der Funktionsunfähigkeit kratze. »Wir wollen einen Pflock einschlagen, der auch weit sichtbar ist«, so Baumann. Mit dem nationalen Krebszentrum plane er innerhalb der folgenden zehn bis fünfzehn Jahre eine flächendeckende Präventionsstrategie für Deutschland.
Aus dem Publikum wurden mehr Lehrstühle an den Universitäten für Prävention gefordert. Auch den Hausärztinnen und Hausärzten wurde eine tragende Rolle in der Präventionsberatung zugeschrieben. Helou wünschte sich vorsichtig mehr Engagement durch die Bundesärztekammer und den Präventionsgedanken über alle medizinischen Fachgebiete hinweg. Der Einwand, dass ärztliches Personal für medizinische Schadensbehebung verantwortlich sei, folgte umgehend durch Graeven. Hier fehlen laut ihm auch die finanziellen Anreize.
Schwörer brachte das Konzept von »Community Nurses« und »School Nurses« als niedrigschwellige Anlaufstelle mit ein. Auch Baumann forderte einen Einbezug der anderen Berufsgruppen. Seufferlein zeigte sich frustriert: »Heute früh habe ich wieder das wissenschaftliche Institut der privaten Krankenversicherung gehört, die jetzt auch noch ein Gutachten gemacht haben. Das kommt zu dem Entschluss, dass, wenn ich weniger Zucker in Softdrinks tue, weniger Zucker konsumiert wird. Wann machen wir denn endlich mal was draus? Das kriegen wir in Deutschland einfach nicht hin, denn wir diskutieren uns zu Tode«, so Seufferlein. Die Rolle der Apotheken hinsichtlich Prävention fand keine Erwähnung.