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Prävention, Aufklärung, Früherkennung
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Wie sich Männer in die Apotheke locken lassen

Männer leben kürzer und sterben früher als Frauen – und das weltweit. Wie holt man sie in die Apotheke, spricht sie dort richtig an, begeistert sie für Prävention und schneidet Services auf sie zu?
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 12.02.2026  14:00 Uhr

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern liegt mit 71 Jahren rund fünf Jahre unter der von Frauen. Besonders deutlich wird das Ungleichgewicht bei der vorzeitigen Sterblichkeit: Jeder vierte Mann stirbt vor dem 65. Lebensjahr, bei den Frauen sind es dagegen weniger als ein Fünftel. Auch ihr Gesundheitszustand ist im Allgemeinen schlechter.

Wie der Weltapothekerverband FIP in einem Report zum Thema hervorhebt, spielen biologische Faktoren wie ein höheres Risiko für Herzerkrankungen eine Rolle – doch der Großteil des Problems ist hausgemacht. Dazu zählen risikoreiches Verhalten und ungesunde Lebensgewohnheiten.

Aber auch soziale Vorstellungen von Männlichkeit gehen auf Kosten ihrer Gesundheit. Ihnen wird oft implizit oder explizit beigebracht, dass ein Hilfegesuch ein Zeichen von Schwäche ist. Man erwartet hingegen Stoizismus, Durchhaltevermögen und Selbstständigkeit. Viele nehmen ärztlichen Rat oder Präventionsangebote erst spät oder gar nicht in Anspruch. Das führt zu späteren Diagnosen.

Scham, Unwissen, Bedenken

Apotheken wären als Anlaufstelle eigentlich prädestiniert. Doch Hindernisse existieren auch dort. Die Gründe sind vielfältig. Der FIP nennt unter anderem Scham und Stigmatisierung bei sensiblen Themen wie psychischer oder sexueller Gesundheit. Hinzu kommen Unwissen über das Leistungsspektrum der Offizinen sowie Unsicherheit darüber, welche kommerziellen Interessen der Berufsstand womöglich verfolgt.

Weil das Apothekenpersonal überwiegend weiblich ist, fällt es Männern aus einigen Kulturen schwer, sensible und intime Gesundheitsprobleme wie erektile Dysfunktion oder sexuell übertragbare Infektionen sowie psychische Gesundheitsprobleme gegenüber Frauen anzusprechen.

Dazu kommen mangelnde Gesundheitskompetenz, da Männer viele Anzeichen oder Symptome chronischer Erkrankungen oft nicht erkennen und die Folgen bei einer ausbleibenden Behandlung nicht vollständig erfassen. Auch Sorgen um Privatsphäre in offenen Verkaufsräumen und der Zeitdruck im Alltag kommen hinzu.

Apotheken könnten aber einiges tun, um die Kluft zwischen Frauen- und Männergesundheit zu verkleinern – und dabei sogar eine Schlüsselrolle einnehmen. Immerhin bieten sie ihren Service ohne Termin, können zu Gesundheitsthemen oder chronischen Erkrankungen beraten und auch einige Präventionsmaßnahmen selbst durchführen.

Richtige Ansprache lernen

Daher ist es wichtig, dass Apothekerinnen und Apotheker lernen, wie sie Gespräche richtig angehen. Entscheidend ist eine klare, einfache, direkte, nicht wertende und bestärkende Kommunikation, um Vertrauen aufzubauen und Männer schrittweise für Prävention, Vorsorge und Beratung zu gewinnen.

Bewährt haben sich motivierende Gesprächstechniken, die sich auf Zuhören, offene Fragen und die gemeinsame Festlegung von Zielen konzentrieren. So können die Heilberuflerinnen und Heilberufler Verhaltensänderungen auf respektvolle und unterstützende Weise fördern.

Da viele Männer nicht regelmäßig zum Arzt gehen, sollten Apotheken jeden Besuch – sei es zum Kauf, zur Beratung oder für eine kurze Frage – als Chance betrachten, Vertrauen aufzubauen und zu einer Gesundheitsuntersuchung anzuregen.

Ihre Angebote und ihr Umfeld könnten Apotheken an die Bedürfnisse männlicher Kunden anpassen. Ziel ist es, die Offizin als niedrigschwelligen, diskreten und vertrauenswürdigen Ort zu etablieren, an dem Männer sich ernst genommen fühlen. Konkret gilt es, Produkte ausgewogen zu präsentieren und beispielweise Rasierprodukte oder Sportnahrungsergänzungsmittel stärker in der Fokus zu rücken.

Gewinnbringend ist ebenfalls, deutlich auf vertrauliche Beratungsräume sowie flexible Öffnungszeiten für Berufstätige hinzuweisen. Auch die Vielfalt im Team spielt eine Rolle. Sind auch männliche Ansprechpartner anwesend, kann das Hemmschwellen bei sensiblen Themen senken.

Fitness-Club statt Apotheke

Darüber hinaus lassen sich Männer über soziale Medien, lokale Netzwerke oder vertraute Umfelder wie Sportvereine oder Friseursalons erreichen. Dort ist es nach Ansicht des FIP sinnvoll, Aktionswochen oder Dienstleistungen zu platzieren, die Männer dann in der Vor-Ort-Apotheke wahrnehmen können. Botschafter wie berühmte Sportler oder Influencer könnten ebenfalls dabei helfen. Zum Beispiel: Blutuntersuchungen in der Kneipe, Blutdruckmessen im Fitness-Studio oder Glukosetest im »Gesundheits-Boxenstopp« auf dem Weg zur Arbeit.

Wer seine Offizin etwas umgestaltet, Leistungen anpasst und das Apothekenteam in sensibler Kommunikation schult, hat schon die halbe Miete gewonnen. Hinzu kommt, Gesundheitsangebote dorthin zu bringen, wo Männer sich ohnehin aufhalten. Denn dort lassen sich Gespräche in weniger klinischer Atmosphäre führen und Barrieren abbauen.

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