| Theo Dingermann |
| 06.01.2025 11:30 Uhr |
Antiadiposita wie die GLP-1-Rezeptoragonisten senken den Heißhunger. Das bekommt auch die Lebensmittelindustrie zu spüren. / © Getty Images/Peter Dazeley
Eine aktuell publizierte Studie der Ohio State University zeigte, dass amerikanische Patienten, die zur Gewichtsreduktion mit einem Inkretinmimetikum behandelt werden, im Durchschnitt 51 Dollar pro Woche bei ihren Lebensmittel- und Getränkekosten sparen.
Jetzt berichten Forschende des Cornell SC Johnson College of Business in einer Vorabpublikation über überraschende Ergebnisse. Sie untersuchten Konsumdaten von Haushalten, in denen mindestens eine Person mit einem GLP-1-Agonisten behandelt wurde. Grundlage der Analyse war eine vierteljährliche GLP-1-Umfrage unter den Studienteilnehmern ab Oktober 2023. Abgefragt wurden die konkreten GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA), die Zeitpunkte der Einnahme und die Gründe, warum die Medikamente eingenommen wurden (Diabetesmanagement oder Gewichtsverlust).
Zudem wurden Daten eines Marktforschungsunternehmens verwendet, das Informationen von 150.000 US-Haushalten von Juli 2022 bis Oktober 2024 bereitstellte. Die Daten umfassten Angaben zu Einkäufen (Datum, Uhrzeit, Händler, Kanal, Ausgaben, Menge) und demografische Informationen.
Die finale Stichprobe umfasste letztlich 22.712 Studienteilnehmer, von denen 2623 mit der GLP-1-RA-Einnahme zwischen Januar 2023 und Juli 2024 begonnen hatten.
Ähnlich wie in der Studie der Ohio State University zeigte sich auch in dieser Studie, dass beim Einsatz von GLP-1-Agonisten die Lebensmittelausgaben sanken. In den ersten sechs Monaten reduzierten sich die Ausgaben um durchschnittlich 5,5 Prozent, bei Haushalten mit einem höheren Einkommen sogar um 8,6 Prozent. Dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Reduktion von 416 US-Dollar pro Haushalt. Der stärkste Rückgang wurde bei hochkalorischen, verarbeiteten Lebensmitteln festgestellt, insbesondere bei Chips, süßen Backwaren und zuckerhaltigen Getränken.
Im Gegenzug gaben die Studienteilnehmer, die GLP-1-RA zur Gewichtsreduktion einsetzten, moderat mehr Geld für frische Produkte und Joghurt aus. Allerdings zeigte sich kein signifikanter Mehrkonsum von gesunden Lebensmitteln wie Vollkornprodukten, sodass das veränderte Einkaufsverhalten eher aus der Reduktion von Ungesundem als aus einer Erhöhung gesunder Lebensmittel resultiert.
Diese signifikanten Veränderungen im Konsumverhalten von einer steigenden Zahl von Menschen, die zur Unterstützung einer Gewichtsreduktion Inkretinmimetika benutzen, geht nicht an der Lebensmittelindustrie vorbei. Im Gegenteil: Unternehmen, deren Schwerpunkt auf der Herstellung kalorienreicher Lebensmittel lag, werden wahrscheinlich einen Nachfragerückgang zur Kenntnis nehmen müssen und ihre Produktportfolios entsprechend anpassen. Bereits jetzt deutet sich an, dass die Präferenzen hin zu kleineren Portionen und gesünderen Alternativen gehen.
Konkret beginnen Lebensmittelgiganten auf diese Veränderungen zu reagieren, indem sie beispielsweise ihre Produktportfolios zunächst diversifizieren. So erwarb das 50-Milliarden-Dollar-Unternehmen Mars kürzlich Kevin's Natural Foods, das mit Produkten wirbt, die keto- und paleo-zertifiziert sowie frei von Milchprodukten, Gluten und Soja seien. Zudem zeichnet sich ein Trend zu kleineren Einheiten für den »On-The-Go«-Konsum ab, mit dem die neue Zielgruppe von Konsumenten angesprochen wird, die aufgrund ihrer Therapie nicht mehr so viel essen können.
Der Lebensmittelgigant Nestlé hat eine ganze Produktlinie mit Tiefkühlkost unter dem Label »Vital Pursuit« auf den Markt gebracht, die speziell auf die Zielgruppe der Inkretinmimetika-Nutzer zugeschnitten ist. Das Unternehmen Conagra Brands plant, Lebensmitteleigenschaften wie den Proteingehalt hervorzuheben, der während der Behandlung mit GLP-1-RA erhöht werden sollte. Und Campbell Soup und Danone sind der Meinung, dass die Eigenschaften ihrer Lebensmittel, wie leichte Verdaulichkeit und hoher Proteingehalt, die neue Zielgruppe ansprechen werden, wie das Magazin »Fortune« kürzlich berichtete.
Erstmalig sieht die mächtige Lebensmittelindustrie eine echte Bedrohung auf sich zukommen. Die bisherigen Strategien, die auf immer stärkere Reize für Heißhunger ausgerichtet waren, greifen bei immer mehr Menschen nicht mehr, denn GLP-1-RA bewirken, dass Hunger nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.
Längst gestehen sich zwischenzeitlich die meisten derjenigen, die den Inkretinmimetika gegenüber eher kritisch eingestellt sind, ein, dass diese Wirkstoffe tatsächlich ein Potenzial besitzen, die Volksgesundheit signifikant zu verbessern. Das bedeutet, dass der Einsatz dieser Medikamente, die auf längere Sicht auch deutlich kostengünstiger werden könnten, steigen könnte.
Was bisher deutlich weniger offensichtlich war, ist das disruptive Potenzial der Inkretinmimetika in anderen, nicht medizinisch-pharmazeutischen Bereichen. Studien, die aus wirtschaftswissenschaftlichen Arbeitsgruppen kommen, werden dies in Zukunft noch viel deutlicher aufzeigen.