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Hangry-Effekt widerlegt
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Wie Hunger und Stimmung zusammenhängen

Der sogenannte »Hangry«-Effekt entsteht nicht durch sinkende Glucosewerte, sondern durch das bewusste Wahrnehmen von Hunger. Entscheidend für die Laune ist also, wie gut wir innere Körpersignale wahrnehmen.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 12.01.2026  07:00 Uhr

Wer bislang glaubte, »hangry« sei ein Modewort für Menschen, die ohne Zwischensnack zur Gefahr für ihre Umgebung werden, bekommt nun wissenschaftliche Rückendeckung – und zugleich eine kleine Entzauberung. Denn wie Forschende zeigten, ist nicht der Glucoseabfall selbst der Übeltäter, sondern unsere bewusste Wahrnehmung desselben. Mit anderen Worten: Erst wenn wir den Energiemangel als Hunger identifiziert haben, kippt auch unsere Stimmung.

Über vier Wochen ließen sich 90 gesunde Erwachsene in ihrem Alltag beobachten, ausgestattet mit Glucosesensoren und einer Smartphone-App, die sie regelmäßig zu Hunger, Sättigung und Stimmung befragte.

Das Ergebnis: Sank der Glucosespiegel, sank auch die Laune – aber nur, wenn die Teilnehmenden gleichzeitig auch ein stärkeres Hungergefühl angaben.

Nicht der Glucosewert selbst moduliert also die Emotion, sondern unsere bewusste Interpretation des eigenen Energiestatus. Das betonte die Erstautorin der Studie Dr. Kristin Kaduk. Die Studienergebnisse der Postdoktorandin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen sind im Fachjournal »eBioMedicine« der »The Lancet«-Gruppe erschienen.

Stabil trotz Energieschwankung

Interozeption ist demnach das Zauberwort. Gemeint ist das Gespür für die Vorgänge im Körperinneren. Die Wahrnehmung körpereigener Signale werde zum stillen Stimmungspuffer, wie Dr. Nils Kroemer, Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Bonn im Zuge der Veröffentlichung zusammenfasste. Ein gutes Gefühl dafür scheine dabei zu helfen, die eigene emotionale Stabilität zu bewahren – trotz schwankenden Energiehaushalts, meint er. 

Diese Erkenntnis ist aber nicht nur für gesunde Menschen relevant. Denn viele Erkrankungen wie Depression oder Adipositas gehen mit veränderten Stoffwechselprozessen einher. Ein besseres Verständnis der Verbindung zwischen Körperwahrnehmung und Stimmung könnte laut Kroemer therapeutische Ansätze bereichern – etwa durch gezieltes Training der Interozeption oder nicht invasive Stimulation des Vagusnervs, der die Organe mit dem Gehirn verbindet und die Interozeption beeinflusst.

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Depression

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