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Versorgungsforschung
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Wie helfen pflanzliche Arzneimittel dem Patienten am besten?

Pflanzliche Arzneimittel sind beliebt, oft wird jedoch eine mangelnde Evidenz aus klinischen Studien bemängelt. Wie erreicht man hier eine bestmögliche Versorgung der Patienten? Mit dieser Frage befasst sich eine neue Stiftungsprofessur.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 26.10.2021  17:00 Uhr

Die neu berufene Inhaberin der »Dr. Willmar-Schwabe-Stiftungsprofessur für Arzneimittel-Versorgungsforschung – Schwerpunkt Phytotherapie« in der Pharmazie der Goethe-Universität Frankfurt, Professorin Dr. Beatrice Bachmeier, hielt am 25. Oktober ihre Antrittsvorlesung. Für sieben Jahre ist die neue Stelle durch die Firma Schwabe mit Mitteln ausgestattet, um das Forschungsgebiet zu etablieren. Es ist deutschlandweit bislang die einzige Professur mit dieser inhaltlichen Ausrichtung.

Diese Lücke in der Versorgungsforschung zu schließen, war für das forschende Pharmaunternehmen Schwabe Motivation genug, um einen signifikanten Geldbetrag in die Hand zu nehmen, betonte deren Geschäftsführer Dr. Traugott Ullrich in einem Grußwort. Denn aus verschiedenen Gründen stoßen laut ihm Phytopharmaka in randomisierten, kontrollierten klinische Studien (RCT) an ihre Grenzen. Um dieser Arzneimittelgruppe gerecht zu werden, müssten RCT, bei denen das Arzneimittel im Mittelpunkt steht, ergänzt werden durch Patienten zentrierte Studien – einer von vielen Schwerpunkten einer modernen Versorgungsforschung.

Obwohl der Status quo bei der Bewertung von Phytopharmaka alles andere als zufriedenstellend sei, gab sich die neu berufene Professorin in ihrer Antrittsvorlesung optimistisch. Sie formulierte als eines der Fernziele die Aufnahme von mehr Phytopharmaka in Leitlinien. Dazu will Bachmeier neue Wege gehen und nicht ausschließlich auf RCT, sondern stärker auf eine patientenzentrierte Evidenzbelege setzen. Dabei scheue sie sich nicht vor provokativen Hypothesen, wie sie selber betonte. »Müssen wir wissen«, so die Versorgungsforscherin, »wie etwas wirkt, wenn wir wissen, dass es wirkt und zudem auch sicher ist? 

»From Bedside to Practice« (vom Krankenbett in die Praxis) formulierte Bachmeier die Zielrichtung ihrer Forschung, in der ein heterogenes Patientenkollektiv im Gegensatz zu den homogen abgeglichenen Probandengruppen in RCT als Basis für eine patientenorientierte Outcome-Forschung dient. Dazu stellte Bachmeier auch neue Datenbankkonzepte vor, in die Outcome-Daten sowohl von den Patienten als auch von den Therapeuten einfließen. Durch Evaluationsprozesse nach den Vorgaben »check«, »plan« und »act« soll am Ende auch unter Einsatz geeigneter Phytopharmaka ein optimiertes Selbstmanagement der Patienten münden.

Den Patienten hinter den Leitlinien und Apps sehen

Eingerahmt wurde die Antrittsvorlesung von Frau Prof. Bachmeier durch zwei weitere Vorträge. Zur Problematik einer technikbasierten Adhärenzförderung zeichnete Professor Dr. Martin Schulz, Geschäftsführer Arzneimittel bei der ABDA und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK), ein ernüchterndes Bild. Zudem sprach Professorin Dr. Marjan van den Akker, die Leiterin Arbeitsbereich Multimedikation und Versorgungsforschung am Institut für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität, über die Probleme der Multimedikation und nannte Lösungsvorschläge.

Für die Patientengruppe der multimorbiden Patienten sei unkritisches Handeln entlang einer Vielzahl von Leitlinien, die Handlungsoptionen für Teilprobleme der Patienten vorgeben, ebenso keine erfolgversprechende Option wie generell das bloße Aufladen einer vielleicht technisch gut gemachten App auf das mobile Endgerät eines Patienten, resümierten beide Referenten. Um die Versorgung deutlich zu verbessern, sei unter anderem eine viel stärkere, durch verschiedene Heilberufe assistierte Einbindung der Patienten in Entscheidungsprozesse für Therapieoptionen erforderlich.

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