| Laura Rudolph |
| 15.01.2026 18:00 Uhr |
Das Epstein-Barr-Virus (EBV) gilt als notwendige Voraussetzung für die Entwicklung einer MS, aber nur ein kleiner Prozentsatz der EBV-Infizierten erkrankt daran. / © Getty Images/Juan Gärtner/Science Photo Library
Rund 95 Prozent aller Erwachsenen weltweit tragen das Epstein-Barr-Virus (EBV) in sich. Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass das Virus, das B-Zellen infiziert und lebenslang latent in ihnen persistiert, zur Entstehung der Multiplen Sklerose (MS) beitragen kann. Nahezu jede Person mit MS trägt das Virus, jedoch erkrankt nur rund jede tausendste EBV-positive Person an der Autoimmunerkrankung. Das bedeutet, dass neben der Virusinfektion auch genetische und/oder Umweltfaktoren vorliegen müssen, damit MS entsteht. Welche das sind, ist noch nicht gut erforscht.
Vor kurzem sind gleich mehrere Arbeiten erschienen, die Hinweise auf mögliche Pathomechanismen liefern. So publizierte ein Forschungsteam um Professor Dr. Jian Wang von der University of Science and Technology of China kürzlich im Fachjournal »Cell« eine Studie, die anhand von Zellversuchen zeigte, dass EBV die Gentranskription in infizierten B-Zellen verändert. Diese exprimierten im Vergleich zu nicht infizierten B-Zellen vermehrt antigenpräsentierende HLA-Moleküle des Genotyps DR15 auf ihrer Oberfläche.
Mit diesen präsentierten sie den CD4+ T-Helferzellen vier verschiedene Peptide aus dem Myelin-Basischen Protein (MBP), einem Bestandteil der Nervenfasern umhüllenden Myelinscheide, die bei MS von Immunzellen angegriffen wird. Gesunde B-Zellen präsentierten diese MBP-Moleküle nicht.
Die gleiche »Peptid-Signatur« fanden die Forschenden in Gehirngewebeproben verstorbener MS‑Patienten, die HLA‑DR15‑positiv waren – und zwar in Bereichen mit MS-typischen Läsionen. Die Autoren vermuten, dass Mikroglia oder Makrophagen diese Peptid-Antigene präsentieren, nachdem sie Myelin-Bruchteile aufgenommen haben.
Insgesamt deuten die Ergebnisse an, dass EBV‑infizierte B‑Zellen in der Peripherie T‑Zellen auf Myelin-Peptide »vorbereiten« – und dieselben T‑Zellen dann im zentralen Nervensystem die Myelinscheide angreifen. »Unsere Ergebnisse zeigen, wie die wichtigsten Risikofaktoren aus Umwelt und Genen gemeinsam zur MS beitragen und eine Autoimmunreaktion gegen Myelin-Bestandteile im Gehirn auslösen können«, fasste Seniorautor Professor Dr. Roland Martin von der Universität Zürich in einer Pressemitteilung zusammen.
Das Ende der Forschung ist aber noch lange nicht erreicht. Auch kreuzreaktive T-Zellen, die fälschlicherweise ein bestimmtes Protein im Gehirn angreifen, das sie mit EBV-Bestandteilen verwechseln, könnten zum Pathomechanismus beitragen. Das fand ein Team um Professor Dr. Olivia Thomas vom Karolinska-Institut in Stockholm heraus, das seine Studie im Fachjournal »Cell« publizierte.
Dieses Phänomen ist in der Biologie bekannt und wird als Molekulare Mimikry (molecular mimicry) bezeichnet. Dabei entwickeln Krankheitserreger wie Viren und Bakterien Oberflächenstrukturen, die körpereigenen Proteinen ähneln, um sich vor dem Immunsystem zu tarnen. Dieses Versteckspiel kann Folgen haben: Wenn das Immunsystem trotzdem auf diese Strukturen reagiert, kann es auch körpereigene Zellen angreifen und so Autoimmunerkrankungen wie hier die MS verursachen.
Konkret identifizierten die Forschenden das Protein Anoctamin-2 (ANO2) im Gehirn, das dem Epstein-Barr-Virusprotein EBNA1 ähnelt und von kreuzreaktiven T-Zellen angegriffen wird. Letztere fanden die Forschenden in Blutproben von MS-Patienten signifikant häufiger als bei gesunden Kontrollpersonen. In Experimenten mit Mäusen verschlimmerten die isolierten T-Zellen außerdem die Symptome einer MS-Erkrankung.
»Diese Entdeckung eröffnet neue Behandlungsmöglichkeiten, die auf diese kreuzreaktiven Immunzellen abzielen. Da derzeit mehrere EBV-Impfstoffe und antivirale Medikamente in klinischen Studien getestet werden, könnten die Ergebnisse für künftige Präventions- und Therapieansätze von großer Bedeutung sein«, sagte Seniorautor Professor Dr. Tomas Olsson in einer Pressemitteilung des Karolinska-Instituts.
Da derzeit viel zu EBV und MS geforscht wird, dürften in den kommenden Jahren weitere Erkenntnisse folgen – die vielleicht dazu beitragen, wirksame Therapeutika gegen das Virus und seine Folgen zu entwickeln.