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Kontakte wiederaufnehmen
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Wenn Freunde zu Fremden werden

Die meisten Menschen vermissen alte Freunde, zu denen der Kontakt abgerissen ist. Den ersten Schritt zu tun und ihnen eine Nachricht zu senden, schaffen sie aber trotzdem nicht. Zwei Psychologinnen haben das Phänomen untersucht und einen möglichen Ausweg identifiziert.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 09.08.2024  10:00 Uhr

Eine ehemalige Klassenkameradin, ein Freund aus Studienzeiten oder eine frühere geschätzte Kollegin: Jeder hat wohl in seinem Adressverzeichnis Menschen, mit denen er einmal engen Kontakt hatte, diesen aber aus unerfindlichen Gründen verloren hat. Selbst wenn man das eigentlich bedauert und die freundschaftliche Beziehung gerne wiederaufleben lassen würde, tut man sich oft schwer damit, die Initiative zu ergreifen. Und das, obwohl Studien zeigen, dass solcherart »reaktivierte« alte Bekannte in der Regel sehr positiv auf eine Kontaktaufnahme reagieren und die Furcht vor Peinlichkeit oder Zurückweisung unbegründet ist.

Warum ist das so und kann man etwas dagegen tun? Dem gehen Professor Dr. Lara B. Aknin von der Simon Fraser University in Burnaby, Kanada, und Dr. Gillian Sandstrom von der University of Sussex in Brighton, Großbritannien, in einem Artikel im Fachjournal »Communications Psychology« nach. Die beiden Psychologinnen führten für ihre Arbeit sieben Einzelstudien mit insgesamt 2458 Teilnehmenden aus Großbritannien, Kanada und den USA durch, die sie mit verschiedenen Fragebögen und Aufgabenstellungen konfrontierten.

Eine Nachricht verfassen – und dann auch absenden

So sollte ein Teil der Probanden etwa angeben, wie groß ihre Bereitschaft wäre, einen alten Freund oder eine alte Freundin zu kontaktieren, was sie davon abhält, das auch tatsächlich zu tun, und welche Reaktion sie von dem oder der Angeschriebenen erwarten. In einem anderen Setting sollten die Teilnehmenden eine Kurznachricht zur Wiederaufnahme des Kontakts verfassen und es wurde getestet, wie sie am besten dazu motiviert werden konnten, diese dann auch abzuschicken. Schließlich sollten die Probanden in einer anderen Studie genau dies bei aktuellen Freunden gezielt üben und wurden anschließend dazu animiert, es mit ehemaligen Freunden gleichzutun.

Aus der Gesamtschau der Einzelstudien leiten Aknin und Sandstrom folgende Aussagen ab:

  • Die meisten Menschen haben alte Freunde, zu denen sie den Kontakt verloren haben, und obwohl sie eigentlich an einer Wiederaufnahme der Beziehung interessiert sind, bleiben sie passiv. Das gilt selbst dann, wenn sie die aktuellen Kontaktdaten des Betreffenden haben und eigentlich auch glauben, dass der sich über eine Nachricht freuen würde.
  • Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sich alte Freunde nach einer gewissen Zeit nicht mehr wie Freunde anfühlen, sondern wie Fremde. Einem alten Freund eine Nachricht zu schreiben, kommt deshalb gefühlsmäßig einer Kontaktaufnahme zu einem Unbekannten gleich – ein Unterfangen, vor dem die meisten Menschen zurückschrecken, obwohl es auch in diesem Fall eigentlich keinen Grund dafür gibt. Denn auch fremde Personen reagieren häufiger als erwartet positiv, wenn man sie anspricht.
  • Übung macht aber auch in diesem Fall den Meister: Die aktive Kontaktaufnahme in seinem aktuellen Bekanntenkreis zu üben, reduziert die Scheu, sich auch einmal wieder bei ehemaligen Freunden zu melden.

Die beiden Autorinnen halten diese Ergebnisse angesichts der vielfach beklagten Vereinsamung in westlichen Gesellschaften für relevant. Einsam fühle man sich, wenn man weniger hochwertige Sozialkontakte habe als man sich wünsche. Da unter Einsamkeit nicht nur die psychische, sondern auch die körperliche Gesundheit leidet, gibt es viele Bestrebungen, dem entgegenzuwirken.

Dabei könnte es sich aus Sicht der Autorinnen mehr lohnen, Menschen dazu anzuhalten, alte Freundschaften wiederzubeleben als neue Leute kennenzulernen. Studienergebnissen zufolge braucht es nach dem ersten Kennenlernen mehr als 200 Stunden, bis aus einer Bekanntschaft eine enge Freundschaft geworden ist. Sich selbst einen Ruck zu geben und einem alten Weggefährten endlich einmal wieder ein Lebenszeichen zukommen zu lassen, scheint da tatsächlich weniger aufwendig.

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