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Grenzerfahrung
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Wenn eine Geburt als Trauma erlebt wird

Geburten sind nicht immer nur von positiven Gefühlen begleitet. Jede zweite Frau erlebt sie negativ, manche sogar als traumatisch. Wer besonders gefährdet ist und wie sich die Geburtsmedizin des Themas annimmt.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 26.02.2026  10:30 Uhr

Eine Geburt ist eigentlich immer eine Grenzerfahrung. »Internationale Studien zeigen, dass bis zu 50 Prozent der Frauen eine Geburt als traumatisch erleben«, berichtete Professor Dr. Kerstin Weidner, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum C. G. Carus Dresden und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM) kürzlich anlässlich ihrer Jahrestagung in Berlin. Etwa 12 Prozent entwickeln sogar Symptome einer geburtsbezogenen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Zu den Risikofaktoren gehört, wenn Frauen bereits zuvor Trauma- und Gewalterfahrungen gemacht haben, zum Beispiel sexuelle Übergriffe erlebt haben – was  keine Seltenheit ist. Dann kann es zu einer sekundären Traumatisierung kommen. Im Rahmen einer Geburt können Gerüche, der Anblick von Blut, bestimmte Liegepositionen und Untersuchungstechniken, Schmerzen oder sogar Schreie aus Nachbarzimmern zu Traumareaktionen führen. Auch psychische Vorerkrankungen, ausgeprägte Angst vor einer Geburt oder eine vorherige Geburt mit Komplikationen gelten als Risikofaktoren.

Doch auch bislang unbelastete Frauen können eine Geburt durch real oder subjektiv erlebte Bedrohungen als traumatisch erleben. »Es sind oft nicht so sehr die Schmerzen, sondern unvorhersehbare Abläufe, Komplikationen, das Gefühl, ausgeliefert und hilflos zu sein oder Angst um das Kind und die eigene Person«, erläuterte Weidner. Eine Rolle können auch Schuldgefühle spielen, wenn das »freudige Ereignis« als solches antizipiert, aber dann nicht so wahrgenommen wird.

Nicht jede Untersuchung und Liegeposition ist nötig

Die Psychosomatikerin rät Hebammen und Geburtsmedizinern, Frauen in Vorgesprächen behutsam nach früheren Gewalterfahrungen zu fragen. »Wenn wir davon wissen, können wir einiges präventiv angehen, um in enger Absprache mit dem Kreißsaalpersonal bestimmte Trigger zu vermeiden.« Das passiere bislang aber nur in Ausnahmefällen – und von sich aus sprechen Frauen traumatische Vorerfahrungen in der Regel nicht an.

»Nicht jede Untersuchung ist vermeidbar, aber nicht alle Liegepositionen sind nötig«, so Weidner. Den Frauen sollte erklärt werden, was gerade warum passiert und unternommen wird. Zudem sollte das Kreißsaalpersonal eine sensible Sprache verwenden, die sich von einer potenziellen Tätersprache unterscheidet. Zum Beispiel: Statt »machen Sie die Beine breit« kann die Gebärende aufgefordert werden, »ihr Becken weit zu machen«.

Unter Weidners Leitung entstehen derzeit Leitlinien, Standards und Praxisleitfäden rund um die Vermeidung und den Umgang mit traumatischen Geburtserfahrungen und perinatalen psychischen Störungen. »Während der Geburt liegt der Fokus auf einer selbstbestimmten und informierten Geburt, die durch partizipative Entscheidungsfindung und transparente Kommunikation geprägt ist. Ziel ist es, der Gebärenden ein Gefühl von Kontrolle, Sicherheit und Selbstwirksamkeit zu vermitteln und eine positive Geburtserfahrung zu fördern.«

Nach einem negativen Geburtserlebnis gilt es, darüber zu sprechen. »Postpartal können strukturierte Nachbesprechungen innerhalb von 72 Stunden nach der Geburt hilfreich sein, um das subjektive Geburtserleben zu erfassen, traumatische Erfahrungen frühzeitig zu erkennen und psychoedukative Maßnahmen durch entsprechend geschultes Fachpersonal einzuleiten«, rät Weidner. Da PTBS und auch andere psychische Symptome erst verzögert auftreten können, sollten auch Ärzte und Hebammen in der Nachsorge darauf achten.

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