| Annette Rößler |
| 17.03.2026 07:00 Uhr |
Die Impfquoten in Deutschland sind weit entfernt davon, zufriedenstellend zu sein. Das zusätzliche Impfangebot in Apotheken soll dazu beitragen, das zu ändern. / © ABDA
PZ: Die Impfquoten bei Erwachsenen, Menschen mit Vorerkrankungen und Schwangeren liegen laut Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) häufig deutlich unter 50 Prozent. Können wir damit zufrieden sein?
Weinke: Nein, das können wir sicher nicht. Wobei wir bei verschiedenen Impfungen unterschiedlich hohe Impfquoten haben. Wenn wir bei der Influenza eine Impfquote von 50 Prozent hätten, könnten wir laut Hurra schreien. Da sind bei wir 34 Prozent mit absinkender Tendenz in den vergangenen Jahren.
PZ: Sind andere Länder da besser als Deutschland?
Weinke: Ja, und zwar deutlich. Zum Beispiel das Vereinigte Königreich, Portugal und die skandinavischen Länder haben deutlich höhere Impfquoten. Dort gehört die Prophylaxe für die Menschen selbstverständlich dazu. In Deutschland fängt man stattdessen oft erst einmal an zu diskutieren und zu fragen. Es wirkt dann fast so, als ob man sich dem Arzt zuliebe impfen lässt und nicht sich selbst und seine eigene Gesundheit im Vordergrund sieht.
PZ: Hat sich diese Haltung durch die Pandemie verstärkt?
Weinke: Ich glaube schon. Mein Eindruck ist, dass in der Pandemie auch durch die neue Technologie der mRNA-Impfstoffe eine gewisse Skepsis aufgekommen ist, die jetzt auf andere Impfstoffe übertragen wird. Diese beruht allerdings nicht auf Fakten, sondern auf Mythen. Das ist ein Dilemma, denn gegen Mythen anzukommen, ist nicht einfach. Natürlich kann man mit Fakten argumentieren, aber wenn die emotionale Seite nicht mitschwingt bei demjenigen, der sich impfen lassen soll, ist das ein schwieriges Unterfangen.
Professor Dr. Thomas Weinke plädiert dafür, dass die Apothekerschaft beim Impfen eine aktivere Rolle einnehmen sollte. / © PZ/Alois Müller
PZ: Viele Menschen wissen nicht, dass für sie bestimmte Impfungen etwa wegen ihres Alters empfohlen werden. Wie kann die Aufklärung besser gelingen?
Weinke: Die Aufklärung erfolgt bereits im großen Stil. Beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, beim Bundesgesundheitsministerium, beim Grünen Kreuz, bei verschiedenen Ärzteorganisationen, auf Apothekenseiten: Überall kann man Informationen über Impfungen finden. Ich erlebe allerdings immer wieder, dass auch von einzelnen Ärzten oder Apothekern eine eher passive Haltung eingenommen wird. Man scheut sich, klar Stellung für das Impfen zu beziehen und zu unterstreichen, was die Fakten sagen – dass Impfen vor Erkrankung schützt, Todesfälle vermeidet, Infektionsketten unterbricht und auch einen großen volksökonomischen Benefit hat.
Wer 60 Jahre alt ist und sich gesund fühlt, dem fällt es oft schwer zu realisieren, dass er allein wegen seines Alters einer Risikogruppe angehört. Da muss sich die Mentalität ändern. Aber das ist ein langwieriger Prozess.
PZ: Manche Inhaber von Apotheken sind auch deshalb zurückhaltend mit einem Impfangebot, weil sie Widerstände von Ärzten aus der Nachbarschaft fürchten. Ist dies eine berechtigte Sorge?
Weinke: Diese Widerstände sind Standesdünkel. Aber das ist ja nicht rational. Hier geht es um ein Gesundheitsthema und das sollen Gesundheitsberufe gefälligst auch zusammen angehen. Wenn wir nur eine Impfquote von einem Drittel haben, wie es bei der Influenza bei den Über-60-Jährigen der Fall ist, wem will man denn da etwas wegnehmen? Zwei Drittel sind nicht geimpft. Jede weitere Impfung ist auch für die Gesellschaft von Nutzen, weil sie Gesundheitskosten spart. Das ist eine sehr simple und einfache Rechnung.
PZ: Das heißt, die Apotheken sollten beim Impfen mehr Verantwortung übernehmen?
Weinke: Ich erlebe die Apothekerschaft bei diesem Thema bisher noch sehr zurückhaltend. Apotheken können mit ihrem niedrigschwelligen Angebot einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Impfquoten zu verbessern. Das bedeutet aber, dass sie positiv dazu Stellung beziehen müssen.
PZ: Wie sehen Sie die in der geplanten Apothekenreform vorgesehene Ausweitung des Impfens in der Apotheke?
Weinke: Momentan dürfen Apotheken gegen Covid-19 und Influenza impfen. Es wäre wichtig, zunächst einmal das mit Leben zu füllen. Ich sehe keine Bedenken bei weiteren Totimpfstoffen. Dann muss allerdings die Absprache zwischen der Apotheke und der Arztpraxis funktionieren, auch was die Dokumentation der Impfungen angeht, damit der eine vom anderen weiß. Da ist sicherlich noch ein bisschen Hausarbeit zu machen.
PZ: Wo sehen Sie das Impfen in Apotheken in fünf Jahren?
Weinke: Ich wünsche mir, dass sich dann das Impfen in den Apotheken fest etabliert hat. Denn nur damit können wir bessere Impfquoten bekommen. Aber das muss von der Apothekerschaft aktiv weiterverfolgt und betrieben werden.