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Belastende Situationen
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Weinen tut nicht immer gut

Wenn Erwachsene im Alltag weinen, kann das unterschiedliche emotionale Folgen haben. Entscheidenden Einfluss auf die Stimmung danach hat zum einen der Auslöser der Tränen und zum anderen, wie intensiv die Episode verlief.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 02.04.2026  12:00 Uhr

Weinen gilt oft als gesunder emotionaler Ausgleich. Die kurzfristige Wirkung auf die Stimmung variiert jedoch je nach Situation, in der die Tränen entstanden sind. Das hat eine Studie der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL) gezeigt. Das Team untersuchte über vier Wochen hinweg Weinepisoden im Alltag von erwachsenen Menschen.

Die Forschenden um Professor Dr. Stefan Stieger, Leiter des Fachbereichs für Psychologische Methodenlehre an der KL Krems, erfassten die sogeannten Weinenepisoden mithilfe eines ereignisbasierten Experience-Sampling-Ansatzes, um eine Verzerrung durch die spätere Erinnerung zu vermeiden. Dafür dokumentierten die Teilnehmenden ihre Tränen direkt nach dem Auftreten per Smartphone. Sie gaben an, was das Weinen auslöste, wie lange es dauerte und wie intensiv es war. Zudem bewerteten sie ihren emotionalen Zustand unmittelbar danach sowie erneut nach 15, 30 und 60 Minuten.

Die Auswertung von insgesamt 315 Weinepisoden von mehr als 100 Personen zeigte ein differenziertes Bild. Die Ergebnisse sind im Fachjournal »Collabra: Psychology« publiziert. Direkt nach dem Weinen berichteten die Teilnehmenden weniger von positiven und mehr von negativen Gefühlen; auch die empfundene Belastung war nach dem Weinen größer. Und mit steigender Intensität verstärken sich diese Effekte. 

Nach einen Tag Effekt verschwunden

Der Auslöser für die Tränen spielt eine zentrale Rolle, ob das Weinen entlastend oder belastend wirkt. Wie sich herausstellte, geht es bei Einsamkeit oder Überforderung mit kurzfristig negativen emotionalen Zuständen einher. Als eine Reaktion auf Medieninhalte reduzierten die Tränen die negative Stimmung hingegen. Ein Teil der Effekte klingt innerhalb einer Stunde ab, am Folgetag waren keine Einflüsse mehr messbar.

Auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern beobachteten die Forschenden. Frauen weinen demnach häufiger als Männer und berichten außerdem von längeren sowie intensiveren Episoden. Und während Frauen öfter aus Einsamkeit weinen, sind bei Männern eher Hilflosigkeit oder bewegende Medieninhalte die Gründe.

Die Ergebnisse zeigten, so das Autorenteam, dass Tränen nicht per se emotionale Erleichterung versprechen, sondern der Kontext das spätere Erleben bestimmt. Mit anderen Worten stellt die Studie die weit verbreitete Annahme infrage, dass Weinen grundsätzlich entlastend wirkt.

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