| Lukas Brockfeld |
| 29.01.2026 16:00 Uhr |
Klaus Hurrelmann, Sandra Postel, Doris Reinhardt, Ute Repschläger und Thomas Preis (v.l.n.r.) diskutierten über die Zukunft der Gesundheitsberufe. Leonor Heinz (rechts) moderierte. / © PZ/Brockfeld
Viele kranke Menschen haben inzwischen Probleme, rechtzeitig einen Arzt zu sehen. Gerade das Warten auf einen Facharzttermin kann sich über Monate hinziehen. In den kommenden Jahren dürfte sich das Problem durch den demografischen Wandel deutlich verschärfen. Daher sollen viele Gesundheitsberufe neue Aufgaben bekommen. Die geplante Apothekenreform sieht beispielsweise vor, dass Apotheken künftig alle Totimpfstoffe verabreichen dürfen.
Am Mittwoch wurde beim BMC-Kongress in Berlin diskutiert, was dieser Wandel für die Zukunft der Gesundheitsberufe bedeutet. Dazu waren Klaus Hurrelmann (Professor für Public Health and Education an der Hertie School), Sandra Postel (Präsidentin der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen), Thomas Preis (ABDA-Präsident), Doris Reinhardt (stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg) und Ute Repschläger (Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten) eingeladen. Die Moderation übernahm Leonor Heinz (Leiterin der Koordinierungsstelle Initiative Deutscher Forschungspraxennetze).
Das Podium war sich weitgehend darin einig, dass die starke Arztzentriertheit des deutschen Gesundheitssystems ein Problem darstellt. Thomas Preis bezeichnete diese als historisch gewachsen und erzählte eine Anekdote: »Ich habe mal bei einer Diskussionsveranstaltung gesagt, dass der Chef der Therapie eines Patienten immer der Arzt ist. Einige meiner Berufskollegen haben das kritisch gesehen. Doch eine Patientenvertreterin sprang sofort auf und wies mich darauf hin, dass der Patient immer der Chef für Entscheidungen bei der Therapie ist. Es ist entscheidend, dass die Bürgerinnen und Bürger eigene Entscheidungen treffen und sich von den Professionen beraten lassen.«
Befragungen hätten gezeigt, dass sich viele Patienten Tests, Impfungen und Präventionsangebote in der Apotheke wünschen. »Dem muss der Staat nachkommen und da geht das Apothekenreformgesetz in die richtige Richtung«, urteilte der ABDA-Präsident. Neben dem steigenden Behandlungsaufwand durch den demografischen Wandel sei die Gesundheitsversorgung auch durch Falschinformationen in den sozialen Medien bedroht. »Wir müssen uns schnell abstimmen und dieser rasenden Gefahr deutlich entgegentreten«, so Preis.
Auch Doris Reinhardt wünscht sich eine stärkere Einbeziehung der Patienten. »In 30 Jahren hausärztlicher Tätigkeit habe ich gemerkt, dass sehr viele Dinge in die Praxen gekippt wurden, die früher anders behandelt wurden. Da gab es einen Shift von Bedarfen und Strukturen, die dafür gar nicht geschaffen waren«, so die Vize-Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg.
Thomas Preis beklagte, dass es in den Praxen aktuell zu viele Bagatellfälle gäbe, die dort nicht hingehören. Hier müsse auch bei den Patienten ein Umdenken stattfinden. Ein positives Beispiel sei Großbritannien, wo die Menschen unter dem Motto »Pharmacy first« dazu angehalten seien, bei leichten Erkrankungen zuerst die Apotheke aufzusuchen. »Wir müssen den Bürgerinnen und Bürgern mehr Gesundheitskompetenz geben und ihnen den Rücken stärken. Eine Eigentherapie ist keine Therapie zweiter Klasse«, betonte der ABDA-Präsident.
Auch Sandra Postel sagte, dass zu viele Gesundheitsfragen ausschließlich von Ärzten beantwortet werden. Viele Kinderärzte würden beispielsweise Stillberatung vornehmen oder sich sogar mit Kindersitzen im Auto befassen. »Wir müssen an die Eigenverantwortung appellieren und brauchen Orte, an denen man ganz niedrigschwellig Rat einholen kann«, sagte Präsidentin der Pflegekammer NRW. Apotheken seien ein solcher Ort. Man könne auch über Gesundheitskioske oder Angebote in Supermärkten nachdenken. Doch jede Profession müsse dabei ihre Grenzen kennen.
»Wir müssen die Bevölkerung dazu befähigen, sich selbst zu vertrauen und darauf, dass es in anderen Gesundheitsberufen auch kompetente Ansprechpartner gibt. Die Arztpraxen werden loslassen können und müssen«, sagte auch Doris Reinhardt. Dafür bräuchte es allerdings verlässliche Ansprechpartner, eine gute Patientensteuerung und eine angemessene Professionalisierung der nicht ärztlichen Berufe.