Anders als viele meinen, ist Abnehmen nicht nur eine Frage der Disziplin. Eine gute Beratung berücksichtigt viele Faktoren. / © Getty Images/Antonio Diaz
Nicht jeder Körper reagiert auf eine Kalorienreduktion gleich. Das könnte an verschiedenen Stoffwechseltypen und dem Anteil an braunem Fett liegen. Umso wichtiger ist die individuelle Beratung bei der Therapie von Adipositas, stellt der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland klar.
Dieselbe Kalorienreduktion hat nicht bei allen denselben Effekt, erklärt Dr. Tim Hollstein vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Der persönliche Stoffwechseltyp oder wie viel braunes Fettgewebe eine Person hat, kann die Gewichtsabnahme beeinflussen. »Wir sehen in kontrollierten Studien, dass Menschen unterschiedlich stark Energie sparen oder verbrennen«, erklärt er in einer Pressemitteilung des Verbands der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD). An der Therapie von Adipositas rüttelt das nicht, die etablierten Maßnahmen umzusetzen, bleibt wichtig.
Forschende sprechen von eher »sparsamen« und eher »verschwenderischen« Stoffwechseltypen, die man in Stoffwechselkammern unterscheiden könne. Doch da Messungen in solchen Kammern sehr aufwendig sind, sucht das Team um Hollstein einfachere Verfahren, um die Effizienz des Stoffwechsels zu bestimmen.
Hinweise kann der Spiegel des Fibroblasten-Wachstumsfaktors 21 (FGF21) geben. Das Hormon hat Auswirkungen auf den Stoffwechsel. Es stimuliert beispielsweise die Aufnahme von Glucose in die Zellen und verbessert die Insulinsensitivität. »FGF21 könnte künftig als Biomarker – also messbarer biologischer Hinweiswert – für Stoffwechseltypen infrage kommen«, glaubt Hollstein.
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt: In Untersuchungen hatten Menschen mit einem verschwenderischen Stoffwechseltyp häufig eine stärkere Aktivierbarkeit von braunem Fettgewebe. Braune Fettzellen verbrennen Energie und erzeugen Wärme, weiße Fettzellen hingegen speichern nur Energie und isolieren vor Kälte.
Der Anteil des braunen Fettes ist genetisch festgelegt und variiert stark von einer Person zur anderen. Doch durch äußere Reize wie Kälte könne es aktiviert werden, zeigte sich in PET-CT-Untersuchungen. Zwangsläufig empfehlenswert ist eine Kältetherapie deswegen nicht. Eisbäder beispielsweise können für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen riskant werden. Eine vorherige Absprache mit dem Arzt ist nötig.
Ernährung, Bewegung, Schlaf, Medikamente, Begleiterkrankungen und psychosoziale Faktoren sind alles wichtige Stellschrauben. Ökotrophologin Theresia Schoppe vom VDBD erklärt, wie Personen Lebensstilveränderungen umsetzen und erhalten können. »Eine stockende Gewichtsabnahme ist nicht automatisch ein Zeichen fehlender Disziplin. Ziele, Tempo und Therapie müssen realistisch geplant und fachlich begleitet werden – ohne Menschen zu überfordern oder zu demotivieren.«
Für die Beratung bedeute das: »Wir müssen genau hinschauen, welche Behandlung zu Stoffwechsel, Alltag, Begleiterkrankungen und Lebenssituation eines Menschen passt – ohne alleinige Fixierung auf den Body-Mass-Index.«
Die Beratung bei Adipositas müsse mehr leisten als pauschale Empfehlungen, findet der Verband. Dabei müssen Fachkräfte Gewichtsverlauf, Ernährungsmuster, Bewegung und die Alltagssituation gemeinsam betrachten. Auch Begleiterkrankungen und deren Medikation – besonders Diabetes – müssen in die Beratung einbezogen werden.