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Warken überprüft Regeln für telefonische Krankschreibung

Kanzler Merz beklagt den hohen Krankenstand in Deutschland. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) reagiert darauf und kündigt an, die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung zu überprüfen. Auch die Krankenkasse DAK hat eine Idee, wie die Zahl der Krankmeldungen sinken könnte.
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Datum 20.01.2026  11:30 Uhr

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken will die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung überprüfen. Die Regierungsparteien hätten sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, Missbrauch auszuschließen, sagte die CDU-Politikerin dem »Tagesspiegel«. »Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen. Wir brauchen praktikable Lösungen«, sagte Warken.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuvor seine Kritik am hohen Krankenstand in Deutschland bekräftigt. Bei den durchschnittlich 14,5 Krankentagen, die er am Wochenende genannt habe, seien die kurzfristigen Krankmeldungen von ein oder zwei Tagen noch gar nicht dabei, sagte er nach einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes. »Wenn die einbezogen würden, dann läge die Zahl noch deutlich höher. Und damit ist der Krankenstand im Durchschnitt in den Unternehmen in Deutschland zu hoch.«

Merz: Krankenstand auch im öffentlichen Dienst zu hoch

Das gelte auch für den öffentlichen Dienst, betonte der CDU-Vorsitzende. Man suche gerade nach den Ursachen für diese Entwicklung und nach Lösungen. »Eine der Ursachen ist sicherlich auch die leichte Krankschreibung durch telefonische Krankschreibungen.« Auch Ärzte sagten, sie könnten gar nicht beurteilen, ob jemand wirklich arbeitsunfähig sei, wenn sie den Patienten nicht gesehen hätten. Er habe im Übrigen für seine Äußerungen vom Wochenende sehr viel Zustimmung bekommen.

Merz hatte bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau bei Heilbronn erklärt, dass die Beschäftigten in Deutschland im Schnitt auf 14,5 Krankentage kämen, »das sind fast drei Wochen in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?«

Warken gab Merz recht. Im internationalen Vergleich sei der Krankenstand in Deutschland hoch. »Darauf hinzuweisen ist in keiner Weise gegen diejenigen gerichtet, die aufgrund von Krankheit arbeitsunfähig sind«, machte die Ministerin deutlich. Sie betonte aber: »Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die niedrigschwellige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung missbräuchlich ausgenutzt werden kann.«

Anders sieht es die Linke. »Die Debatte um die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung zeigt, was Kanzler Merz und seine Regierung am liebsten tun: Mit Kanonen auf Spatzen schießen«, so die Linken-Abgeordnete Julia-Christina Stange in einer Pressemitteilung.  Hausärzte und Krankenkassen würden betonen, dass die Telefon-AU nicht zu mehr Krankschreibungen führe. »Erkrankte Beschäftigte, gerade in ländlichen Regionen mit wenigen Arztpraxen, oder diejenigen mit eingeschränkter Mobilität, wieder in den Praxen vorsprechen zu lassen, verschärft bestehende Missstände und belastet die Hausarztpraxen – erst recht jetzt in der Erkältungszeit«, so die Fachkinderkrankenschwester aus Rheinland-Pfalz, die Mitglied des Gesundheitsausschusses ist. Sie fordert die Regierung auf, reale Probleme im Gesundheitswesen anzugehen. 

Auch Anja Piel, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), übt Kritik an der Aussage von Friedrich Merz: »Es gibt nicht mehr wirtschaftliches Wachstum, wenn Leute verschnupft oder erkältet bei der Arbeit sind. Das Einzige, was da Wachstum zeigt, sind die Bakterien am Nachbartisch und in der Belegschaft.«

DAK will Gipfel im Kanzleramt und »Teilkrankschreibung« als neues Modell

Laut einer Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit waren Beschäftigte im vergangenen Jahr im Schnitt 19,5 Kalendertage krankgeschrieben – annähernd so lange wie 2024 mit 19,7 Fehltagen, wie die Kasse nach eigenen Versichertendaten ermittelte. Wichtigster Grund für eine ärztlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeit waren demnach Atemwegserkrankungen, psychische Erkrankungen und Muskel-Skelett-Problemen wie Rückenschmerzen.

DAK-Chef Andreas Storm sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Analysen zeigten, dass sich der Krankenstand auf einem hohen Niveau einpendele. »Deswegen ist es richtig und notwendig, eine fundierte Ursachenforschung voranzutreiben.« Storm begrüßte die von Kanzler Friedrich Merz (CDU) erneut angestoßene Debatte und forderte einen Gipfel im Kanzleramt, der Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzte und Krankenkassen dazu an einen Tisch bringen sollte.

Es gehe darum, neue Lösungswege zu entwickeln, sagte der Kassenchef. »Ein wichtiger Baustein kann die Einführung einer Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen und Diagnosen sein.« Gemeint ist damit, nur für einen Teil der täglichen Arbeitsstundenzahl krankgeschrieben zu werden.

Der DAK-Auswertung zufolge blieb der Krankenstand im vergangenen Jahr mit 5,4 Prozent auf einem erhöhten Niveau stabil. Es waren also an jedem Tag des Jahres im Schnitt 54 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben. Für die Analyse wertete das Berliner Iges-Institut den Angaben zufolge Daten von rund 2,4 Millionen Beschäftigten aus, die bei der Kasse versichert sind.

DAK: Meiste Fehlzeiten im Gesundheitswesen

Krankheitsursache Nummer eins waren im vergangenen Jahr demnach weiterhin Atemwegserkrankungen wie Erkältungen und Infekte mit 378,3 Fehltagen je 100 Versicherte nach 381,7 Fehltagen 2024. Auf Platz zwei lagen nun psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen, die von 341,8 Fehltagen je 100 Versicherte auf 365,5 Fehltage zunahmen. Es folgten Muskel-Skelett-Probleme, die mit 346,9 Fehltagen je 100 Versicherte fast stabil blieben.

Die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung lag im vergangenen Jahr bei 9,8 Tagen nach 9,7 Tagen 2024. Bei älteren Beschäftigten über 60 Jahre waren es im Schnitt etwa 20 Tage, wie die Kasse erläuterte. Es sei seit einigen Jahren zu beobachten, dass ältere Beschäftigte seltener, aber dafür länger fehlten.

Bei den Berufen waren Krankheitsausfälle bei Beschäftigten in Krankenhäusern und Pflegeheimen am häufigsten – sie kamen den DAK-Daten zufolge im Schnitt auf 22,5 Fehltage. Am wenigsten Fehltage mit durchschnittlich 12,6 gab es 2025 demnach bei Beschäftigten in der Datenverarbeitung.

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