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Versorgungseffizienz 
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Von Hausarzt zu Facharzt und wieder zurück

Die Koalition plant eine gezieltere Terminvergabe über hausärztliche Praxen, um die Versorgung effizienter zu machen und Wartezeiten zu verkürzen. Es gibt aus Patientensicht aber auch andere akute Probleme, die durch den Fachpersonalmangel katalysiert werden.
AutorKontaktdpa
AutorKontaktPZ
Datum 05.01.2026  15:30 Uhr

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz dringt auf Verbesserungen bei der Versorgung in Praxen. Es sei absurd, dass sich viele Fachärztinnen und -ärzte mittlerweile davon verabschiedet hätten, Befunde und Therapieempfehlungen direkt mit den Betroffenen zu besprechen, sagte Vorstand Eugen Brysch gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Patientinnen und Patienten seien so gezwungen, danach die Hausärztin oder Hausarzt zu konsultieren, die zu »Erklärbären« mutieren.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) müsse das fachärztliche Personal verpflichten, Befunde auch zu erläutern. Brysch forderte außerdem, Ungleichgewichte zwischen Stadt und Land bei der Verteilung von Praxisstandorten anzugehen. Er sprach sich für die Abschaffung von Vermittlungsvergütungen für hausärztliches Personal aus, wenn sie direkt Termine bei Fachärztinnen und -ärzten vereinbaren. »Was als gut gemeinte Ausnahmeregelung eingeführt wurde, ist zu einer sprudelnden Einnahmequelle ohne Mehrwert geworden«, so Brysch.

Was bringt die geplante Reform für Termine?

Der Patientenschützer warnte vor hohen Erwartungen an die von Warken geplante stärkere Steuerung von fachärztlichen Terminen über Hausärztinnen und Hausärzte. Diese »Erst-Hausarzt-Pflicht« solle zum Allheilmittel für alle Probleme der ambulant-ärztlichen Versorgung werden, sagte Brysch. Völlig ungeklärt sei aber unter anderem, wie zusätzliche Patientinnen und Patienten hausärztlich betreut werden könnten. »Schließlich gehen in den nächsten Jahren mehr Hausärztinnen und Hausärzte in den Ruhestand oder wollen ihre Arbeitszeit reduzieren«, so Brysch.

Union und SPD wollen ein verbindliches System einführen, bei dem Betroffene primär in eine hausärztliche Praxis gehen, die sie bei Bedarf – mit Termin in einem bestimmten Zeitraum – an Fachärztinnen und Fachärzte überweist. Brysch bezweifelt, dass eine solche »Termingarantie« tatsächlich greift. »Die schwarz-rote Koalition läuft Gefahr, mit der Zwangsregelung ein ähnliches politisches Fiasko zu erleben wie die gescheiterte Ampelregierung mit ihrem Heizungsgesetz«, vergleicht Brysch. 

Patientinnen und Patienten mäßig zufrieden 

Laut einer Umfrage des Krankenkassen-Spitzenverbands empfindet jede dritte aus 3.520 gesetzlich versicherten Personen in Deutschland die Wartezeit für einen fachärztlichen Termin als zu lang. Bei den Befragten mit einem schlechten Gesundheitszustand waren es sogar 35 Prozent. Positiv beurteilen die Krankenversicherten hingegen Wartezeiten bei ihren hausärztlichen Praxen. 51 Prozent empfinden diese dort als »genau meinen Wünschen entsprechend«. 35 Prozent finden sie als »noch akzeptabel«. 14 Prozent sind unzufrieden. 

Jede und jeder Vierte wartet demnach länger als 30 Tage auf einen Termin in der fachärztlichen Praxis. Jede und jeder Zweite kann innerhalb von zehn Tagen die Fachärztin oder den Facharzt sprechen. In Hausarztpraxen warten hingegen 25 Prozent nur länger als drei Tage – ein Viertel suchen die Hausarztpraxis ohne Termin direkt auf.

Philippi unterstützt Warken

»Das lange Warten auf einen Facharzttermin muss ein Ende haben«, sagte Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD). Er unterstützt damit den Plan der Bundesregierung, dass Betroffene demnächst schneller einen fachärztlichen Termin bekommen, indem sie zuerst zum Hausarzt gehen. Der Koalitionsvertrag von Union und SPD im Bund, den Philippi mit ausgehandelt hat, spricht in dem Zusammenhang von einer Termingarantie.

Fachärztlicher Personalmangel 

Einen spürbaren Mangel an fachärztlichem Personal gebe es in vielen Bereichen, insbesondere bei der Versorgung von akuten und komplexen Patienten, erklärt der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Stefan Zutz. Dies sei zum Teil regional sehr unterschiedlich.

In der fachärztlichen Grundversorgung sind nach Angaben der Kassenärztliche Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern (KVMV) vor allem in der Augenheilkunde, der Dermatologie und der HNO-Heilkunde mehrere Sitze unbesetzt. Dies seien auch die typischen Mangelbereiche in anderen Bundesländern. »Hier sehen wir auch zukünftig noch eine weitere Verschärfung der Situation und vor allem Handlungsbedarf in Bezug auf eine bedarfsgerechte Weiterbildung«, sagt KVMV-Sprecherin Grit Büttner.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) erklärt, im ambulant-medizinischen Bereich werde es zunehmend schwieriger, qualifiziertes Fachpersonal zu finden und zu binden. Dies liege zum Teil daran, dass niedergelassene Ärzte nicht mit dem stationären Bereich konkurrieren könnten.

Hamburg liege statistisch gesehen im Bereich der fachärztlichen Überversorgung, erklärt die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVHH). In den vergangenen Jahren habe Hamburg im Bundesländervergleich stets eine sehr hohe Dichte von ärztlichem Personal, Psychotherapeutinnen und -therapeuten gehabt.

Kassen fordern flexible Praxis-Zeiten

Bei den fachärztlichen Terminwartezeiten sähen die Kassen »dringenden Handlungsbedarf«, sagte die Vizechefin ihres Verbands, Stefanie Stoff-Ahnis. Deutlich wird nach ihrer Ansicht, »dass Patientinnen und Patienten sich eine ambulante Versorgung wünschen, die mit unserer modernen Lebens- und Arbeitswelt vereinbar ist«. Neben kürzeren Wartezeiten sprach sich Stoff-Ahnis auch für flexible Öffnungszeiten in den Praxen aus.

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