| Paulina Kamm |
| 22.01.2026 09:00 Uhr |
Linken-Gesundheitssprecher Ates Gürpinar sagte der PZ: »Die Bundesregierung versäumt es, den gesamten Gesundheitsbereich zusammenzudenken«. / © Imago / Metodi Popow
Gürpinar: Die zunehmende Ökonomisierung betrifft nicht nur die Pflege, sondern auch den Apothekensektor. Apotheken übernehmen im Pflegekontext wichtige Aufgaben wie die Arzneimittelversorgung, Beratung und Medikationsmanagement. Gleichzeitig stehen viele Apotheken unter erheblichem wirtschaftlichem Druck durch steigende Kosten, Personalmangel und eine seit Jahren stagnierende Vergütung sowie durch den Apotheken-Versandhandel. Wenn Versorgung primär nach betriebswirtschaftlichen Kriterien organisiert wird, leidet die Qualität der Versorgung durch Apotheken und somit auch die Versorgung pflegebedürftiger Menschen.
PZ: Wie verhindern Sie, dass Pflegebedürftige von regionaler Unterversorgung betroffen werden?
Gürpinar: Um regionale Unterversorgung zu verhindern, braucht es eine viel stärkere Verantwortung bei der öffentlichen Hand. Dazu gehören gezielte Förderinstrumente für strukturschwache Regionen und eine klare Absage an das reine Marktprinzip in der Gesundheitsversorgung. Gesundheitliche Versorgung und Pflege sind Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und müssen politisch abgesichert werden. Deswegen braucht es viel mehr öffentliche stationäre Pflegeeinrichtungen und die Entlastung pflegender Angehöriger etwa durch echte Lohnersatzleistungen. Zudem braucht die Verhinderung oder Verzögerung von Pflegebedürftigkeit eine Stärkung der Prävention.
PZ: Welche Rolle spielen Apotheken als Teil der pflegerischen Infrastruktur? Welchen Einfluss haben die rasanten Apothekenschließungen auf die pflegerische Versorgung?
Gürpinar: Apotheken sind ein unverzichtbarer Bestandteil der pflegerischen Infrastruktur. Sie sind häufig niedrigschwellige erste Anlaufstellen für ältere und pflegebedürftige Menschen sowie für pflegende Angehörige. Die zunehmenden Apothekenschließungen verschärfen bestehende Versorgungsprobleme insbesondere im ländlichen Raum und in sozial benachteiligten Stadtteilen. Das wirkt sich unmittelbar auf die Pflege aus. Insbesondere chronisch kranke Menschen sind häufiger auf Pflege, aber eben auch auf die Apotheke vor Ort angewiesen. Nicht nur wegen der Versorgung mit bedarfsnotwendigen Medikamenten, sondern auch mit Pflege- und Medizinprodukten.
PZ: Wie kann Medikationssicherheit verbessert werden, ohne zusätzliche Belastungen für Pflegekräfte zu schaffen?
Gürpinar: Medikationssicherheit lässt sich verbessern, indem die pharmazeutische Expertise der Apotheken stärker und systematisch eingebunden wird, etwa durch strukturierte Medikationsanalysen, bessere digitale Schnittstellen und klare Zuständigkeiten. Ärztliche Verordnungen müssen profitneutral erfolgen und den Wirkstoff im Fokus haben. Eine höhere Medikationssicherheit braucht eine gute Zusammenarbeit im Gesundheitssektor und verlässliche Rahmenbedingungen. Durch das Projekt ARMIN wurde bewiesen, dass es viel Potential für eine qualitativ bessere Versorgung gibt, die es in die Regelversorgung zu überführen gilt.
PZ: Wie stehen Sie zu kommunalen oder gemeinwohlorientierten Versorgungsmodellen, zum Beispiel Community Nurses in Australien?
Gürpinar: Kommunale und gemeinwohlorientierte Versorgungsmodelle halten wir für sehr sinnvoll. Internationale Beispiele wie Community Nurses zeigen, dass eine stärkere kommunale Verankerung zu besserer Koordination, Prävention und Versorgungssicherheit führen kann. Solche Modelle sollten auch in Deutschland stärker gefördert und etabliert werden, immer mit dem Ziel, die Versorgung am Bedarf der Menschen und nicht an Renditeerwartungen auszurichten.
PZ: Wo sehen Sie Versäumnisse der Bundesregierung bei der Verzahnung beider Reformen?
Gürpinar: Die Bundesregierung versäumt es, den gesamten Gesundheitsbereich zusammenzudenken. Dazu gehört neben der Pflege- und Apothekenreform auch der Krankenhausbereich, die Notaufnahmen sowie Versorgungszentren und alle niedergelassenen Praxen der vielfältigen Gesundheitsberufe. Alle Bereiche stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie Fachkräftemangel, steigender Arbeitsbelastung und wirtschaftlichem Druck. Statt integrierter Konzepte erleben wir Stückwerk ohne eine ausreichende Reform der Finanzierung durch eine solidarische Gesundheitsversicherung, in die alle Einkommensformen ohne Begrenzung nach oben einzahlen.
PZ: Welche Wechselwirkungen sehen Sie zwischen Zukunftspaket Pflege und der Apothekenreform?
Gürpinar: Eine stabile Apothekenstruktur muss Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge sein, genau wie die Absicherung der pflegerischen Versorgung. Für beide Bereiche wie für den gesamten Gesundheitsbereich hat die Bundesregierung bisher nur Kürzungsideen eingebracht. Es dürfen Strukturen nicht gegeneinander ausgespielt werden, wenn Kosten entstehen. Vielmehr braucht es gerechte Reformen, wo endlich stärkere Schultern auch mehr tragen.
PZ: Die Apotheken und Pflegekräfte warten seit Jahren auf eine verbesserte Vergütung. Unterstützen Sie dies und wie können die Mittel dafür bereitgestellt werden?
Gürpinar: Wir unterstützen die Forderungen nach einer besseren Vergütung für Apotheken und Pflegekräfte ausdrücklich. Gute Versorgung braucht gute Arbeitsbedingungen, und die kosten Geld. Die notwendigen Mittel können bereitgestellt werden, wenn Gesundheitsversorgung wieder als öffentliche Aufgabe verstanden wird, etwa durch eine solidarische Gesundheitsversicherung und eine viel stärkere Beteiligung hoher Einkommen und Vermögen an der Finanzierung.