| Alexandra Amanatidou |
| 09.04.2026 12:40 Uhr |
Explosionen in der iranischen Hauptstadt Teheran. / © Imago/Anadolu Agency
Nachdem Trump dem Iran den Untergang der iranischen Zivilisation angedroht hatte und die Welt den Atem anhielt, kam kurz vor 2 Uhr früh die Eilmeldung: »USA und Iran kündigten zweiwöchige Feuerpause an«. Nach über einem Monat Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran sollen nun die Waffen schweigen.
Laut der Vereinbarung soll auch der Warenverkehr in der Straße von Hormus für den Zeitraum wieder aufgenommen werden. Dieser ist für den Öltransport von großer Bedeutung. Seine wochenlange Sperrung hat nicht nur die Sprit- und Ölpreise in die Höhe getrieben, sondern auch bei Pharmaunternehmen für Unruhe gesorgt. Denn für die Herstellung wichtiger Ausgangsstoffe, die wiederum für die Produktion von Medikamenten benötigt werden, sind aus Erdöl gewonnene Rohstoffe unverzichtbar. So warnte der Verband Pharma Deutschland neulich vor einer drohenden Knappheit von Helium und anderen petrochemischen Ausgangsstoffen. Diese betrifft laut dem Verband die Herstellung von Tabletten, Infusionen und modernen Biologika.
Beim Radiosender LBC schlug zuletzt Jim Mackey, der Chef des britischen Gesundheitssystems, Alarm. Er warnte, dass bestimmten Krankenhäusern die Medikamente ausgehen könnten, sollte der Konflikt im Nahen Osten weiterhin die kritischen Lieferketten beeinträchtigen. Dies ist nach der Feuerpause nicht ausgeschlossen. Besonders besorgt ist er wegen Spritzen, Handschuhen und Infusionsbeuteln. Auch in Deutschland wurde bereits vor einer Knappheit von Einweghandschuhen gewarnt.
Entspannter sieht die Situation in Deutschland aus. »Viele globale Konflikte zeigen uns seit Jahren, dass unsere Versorgung strategisch sehr anfällig ist«, sagt Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika gegenüber der PZ. »Aktuell befürchten wir jedoch zumindest keine akuten Engpässe in der Versorgung aufgrund des Krieges im Iran. Allerdings kann sich das ändern, je länger der militärische Konflikt andauert.«
Besonders besorgt sei der Verband angesichts der massiv steigenden Energiepreise. »Gerade in der Grundversorgung mit Generika, die finanziell auf Kante genäht ist, weil die Krankenkassen von den Unternehmen hohe Rabatte erwarten, besteht keinerlei Luft mehr, um steigende Preise in der Produktion abzufangen. Das erhöht den Kostendruck auf Generika noch mehr, so dass sich die ohnehin angespannte Lage bei den Engpässen immer weiter zuspitzt«, so Bretthauer.
Von »spürbaren Auswirkungen auf die globalen Lieferketten für Arzneimittel« sprach gegenüber die Bild-Zeitung der Gesundheitsökonom David Matusiewicz. Besonders betroffen seien Medikamente, die auf zuverlässige Kühlketten angewiesen sind, etwa Krebsmedikamente, Biologika gegen Autoimmunerkrankungen sowie andere temperaturempfindliche Präparate. Auch wichtige Notfallmedikamente wie Insulin könnten schwieriger verfügbar werden, sagte er. »Momentan besteht keine akute Gefahr einer breiten Unterversorgung, doch die Risiken wachsen.«
Das US-Fachmagazin für die Pharmaindustrie Pharmaceutical Executive berichtet von ähnlichen Auswirkungen. Demnach sind die Transportwege wichtiger Medikamente beeinträchtigt, was bei den Arzneimittelherstellern Besorgnis hinsichtlich der drohenden logistischen Folgen ausgelöst hat. »Jede anhaltende Bedrohung der Straße von Hormus führt zu Verzögerungen, höheren Versicherungskosten und Umleitungsschwierigkeiten für Transporte, darunter auch für pharmazeutische Wirkstoffe und Fertigprodukte«, schreibt das Magazin in einem Artikel.
Auch die Schließung und der eingeschränkte Betrieb wichtiger Luftverkehrsknotenpunkte am Golf hätten den Transport hochwertiger, zeitkritischer medizinischer Güter weiter reduziert. »Wichtige Luftverkehrsknotenpunkte in der Region dienen als kritische pharmazeutische Transitknotenpunkte, die Afrika, Asien, Europa, Indien und die Vereinigten Staaten verbinden«, schreibt das Magazin. Zu diesen zählen etwa die Arabischen Emirate oder Kuwait.
Besonders besorgt sind Hilfsorganisationen. So warnte das Gesundheitshilfswerk »action medeor« vor immensen Kostensteigerungen bei Medikamenten und humanitären Hilfsleistungen, die durch den Krieg verursacht werden. Laut dem International Rescue Committee und Save the Children laufen Kliniken und humanitäre Zentren im Nahen Osten, in Asien und Afrika Gefahr, dass ihnen grundlegende Medikamente ausgehen. Dies teilten die beiden Organisationen dem US-Radionetzwerk National Public Radio (NPR) mit.
Doch auch im Iran ist die pharmazeutische und medizinische Versorgung angespannt. So wurde ein iranisches Pharmaunternehmen in Teheran vergangene Woche Opfer von Luftangriffen. Dabei handelt es sich um die Tofigh Daru Research & Engineering Company, eines der größten Pharmaunternehmen des Irans, das Anästhetika und Krebsmedikamente herstellt. Den Angriff bestätigten sowohl die iranische Regierung auf der Kurznachrichtenplattform X als auch die israelische Armee (IDF).
Während das Regime von der Zerstörung der Arzneimittelproduktionslinie spricht, wirft Israel dem Unternehmen nach Angaben des BBC vor, chemische Substanzen, darunter Fentanyl, die für die Forschung und Entwicklung chemischer Waffen verwendet werden, geliefert zu haben.
Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigte einem Bericht der Deutschen Welle zufolge den Angriff. Laut WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus wurden durch Bombenangriffe eine psychiatrische Klinik und ein weiteres Krankenhaus außerhalb von Teheran beschädigt. Tedros fügte hinzu, die Organisation habe über 20 Angriffe auf das iranische Gesundheitssystem mit mindestens neun Todesopfern bestätigt.
Immer wieder gibt es Meldungen, dass im Rahmen des Kriegs im Nahen Osten die Gesundheitsversorgung leidet und Gesundheitseinrichtungen attackiert werden. Der Angriff trifft ein Land, das bereits mit Lieferengpässen zu kämpfen hat. Die PZ hat mit einem iranisch-deutschen Apotheker, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, über die medizinische Versorgung im Iran gesprochen.
Außerdem verließen laut einem Bericht der Deutschen Welle zu Beginn des Krieges viele Ärztinnen und Ärzte mit doppelter Staatsbürgerschaft das Land und flohen über die Grenze nach Armenien oder in die Türkei. In Teheran sind demnach mittlerweile viele private Arztpraxen geschlossen.
Das Regime versucht, ein anderes Bild zu vermitteln. Der iranische Gesundheitsminister Mohammad Reza Zafarqandi gab zuletzt bekannt, dass es dank einer effektiven Verwaltung landesweit keine Engpässe bei Medikamenten oder medizinischer Ausrüstung gebe. »Glücklicherweise haben wir aufgrund früherer Erfahrungen und Prognosen zum Krisenmanagement derzeit keine Engpässe bei Medikamenten und medizinischer Ausrüstung im Land«, sagte er. Dies berichtete die iranische Nachrichtenagentur Tasnim News Agency, die als nah an den Revolutionsgarden gilt.