| Annette Rößler |
| 23.01.2026 07:00 Uhr |
Ein Musikinstrument zu erlernen und häufig zu üben, verändert das Gehirn. Das bringt jenseits der Fähigkeit zu Musizieren weitere Vorteile mit sich. / © Adobe Stock/SirChopin
Es gibt eine Faustregel, wonach man ein Musikinstrument 10.000 Stunden lang üben muss, um es auf Profiniveau zu beherrschen. Ob dies im Einzelfall immer zutrifft, sei dahingestellt – sicher ist jedoch, dass Musikerinnen und Musiker beim Spielen ihres Instruments sehr oft die immer selben Bewegungen ausführen müssen. Das Gehirn passt sich daran funktionell und strukturell an, was als Beleg für die Plastizität des Gehirns gilt.
Untersuchungen hätten bereits gezeigt, dass noch weitere Vorteile über die Beherrschung des Instruments hinaus damit einhergehen, schreibt Anna M. Zamorano, Dozentin am Center for Music In the Brain an der Universität Aarhus in Dänemark, auf der Plattform »The Conversation«. Zu nennen seien etwa verbesserte motorische Fähigkeiten, ein leichterer Spracherwerb und ein besseres Gedächtnis. Zusammen mit ihrem Team wollte Zamorano nun herausfinden, ob sich Musizieren auch auf das Schmerzempfinden und den Umgang mit Schmerz auswirkt.
Zu diesem Zweck rekrutierten die Forschenden 19 professionelle Musikerinnen und Musiker sowie 20 nicht musizierende Vergleichspersonen. Die Probanden erhielten eine Injektion des Nervenwachstumsfaktors in einen Streckmuskel der rechten Hand, was zu einem ungefährlichen, aber über einige Tage anhaltenden Schmerz in dem betroffenen Muskel führt. Die Hirnaktivität der Teilnehmenden wurde an den Tagen 1, 3 und 8 per transkranialer Magnetstimulation (TMS) gemessen.
Wie das Team im Fachjournal »Pain« berichtet, gab es auffällige Unterschiede sowohl im Schmerzempfinden als auch in der Schmerzverarbeitung zwischen den beiden Gruppen. So empfanden die Musiker den experimentell induzierten Schmerz als weniger stark als die Vergleichspersonen. Der Schmerzreiz wirkte sich bei ihnen – im Gegensatz zu den Vergleichspersonen – zudem kaum auf die sogenannte Körperkarte des Gehirns aus.
Auf dieser Karte sind verschiedene Muskeln in einem bestimmten Bereich der Großhirnrinde repräsentiert. Bei chronischen Schmerzen schrumpft die Karte, was wiederum das Schmerzempfinden steigern kann. Anhand der TMS-Untersuchungen stellten die Forschenden fest, dass bei den Musikern der Bereich für die rechte Hand auf der Körperkarte von vorneherein bereits kleiner war als bei den Vergleichspersonen. Der Unterschied war umso stärker ausgeprägt, je mehr sie in ihrem Leben bereits geübt hatten. Infolge der Injektion veränderte sich die Körperkarte bei den Musikern kaum, während sie bei den Vergleichspersonen nach zwei Tagen des Schmerzempfindens zu schrumpfen begann.
Die Studie fällt eindeutig in die Kategorie »Grundlagenforschung« und war mit einer Teilnehmendenzahl von knapp 40 Personen auch zu klein, um daraus weitreichende Aussagen abzuleiten. Nicht nur für Musiker ist das Ergebnis interessant, weil es zeigt, dass Üben – oder auch das sehr häufige Wiederholen anderer Bewegungsabläufe – das Gehirn offenbar gegen Schmerzen gewissermaßen abhärten kann.
Selbstverständlich bedeute das nicht, dass man chronische Schmerzen mit Musik heilen könne, so Zamorano. Besser zu verstehen, wie Schmerz von unterschiedlichen Menschen wahrgenommen und verarbeitet werde, könne künftig aber vielleicht zu neuen Ansätzen der Schmerztherapie führen. Die Forschungsgruppe will nun weiter untersuchen, ob Musiker auch gegen die negativen Auswirkungen von chronischen Schmerzen auf die Aufmerksamkeit und die Kognition besser gefeit sind als Nicht-Musiker.