Wer hinter solchen Behauptungen steckt und was die Verbreiter damit bezwecken wollen, beantwortet der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Jan-Henning Steeneck in seiner Doktorarbeit »Medizinische Fehlinformationen in den sozialen Medien« (2025). Als Verfasser der Mythen identifiziert der Jurist überwiegend Gesundheitslaien und Amateure, die Inhalte ohne medizinische Qualifikation und redaktionelle Standards erstellen. Steeneck bezeichnet sie als »neue Akteure der Wissenschaftskommunikation«. Sie organisieren sich in sozialen Netzwerken.
Als weitere Quellen kommen demnach ehemalige Experten und Ärzte infrage, die durch ihren formalen wissenschaftlichen Hintergrund den Mythen eine scheinbare Legitimität verliehen. Prominente und Politiker nutzten ihre Reichweite, um solche Narrativen zu verstärken, erklärt Steeneck. Multiplikatoren teilten diese Inhalte im Netz und würden damit selbst zu Produzenten.
Der Autor sieht unterschiedliche Gründe dafür, warum solche Inhalte verbreitet werden. Nicht immer stehen böse Absichten dahinter. Ein erheblicher Teil wie etwa Eltern in privaten Chatgruppen würden die Informationen selbst für wahr halten und aus einer fehlgeleiteten Sorge oder dem Wunsch zu helfen handeln. Dazu kommen Steeneck zufolge Akteure, die mit der Verbreitung von Fehlinformationen Geld verdienen oder ideologische und politische Ziele verfolgen, um das Vertrauen in Regierungen, Behörden oder die Wissenschaft zu untergraben.
Um vor einem Zusammenhang zwischen Corona-Impfungen und einem angeblich stark erhöhten Krebsrisiko zu warnen, ist in sozialen Netzwerken immer wieder von »Turbokrebs« die Rede. Seit Jahren in impfkritischen Kreisen verwendet, sollen aggressivere Tumorarten gemeint sein, die sich angeblich schneller ausbreiten sollen als bisher bekannt.
Das ist falsch. Der Begriff ist kein medizinisch anerkannter Fachausdruck. Weder medizinische Fachgesellschaften noch staatliche Institutionen verwenden »Turbokrebs« im Kontext der Krankheit. Die Wortkreation wurde nach Recherchen der Deutschen Presse-Agentur von einem Rechtsanwalt geprägt.
Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) etwa hatte bereits in der Corona-Pandemie keinen Anstieg von Tumorbefunden infolge der Impfung beobachten können. Auch Ende Januar 2026 finden sich auf der DGHO-Webseite keine Einträge zum Suchbegriff »Turbokrebs«.
Immunologe Watzl verweist auf das Jahr 2021, in dem mehr als 60 Millionen Menschen in Deutschland gegen Corona geimpft wurden. Danach seien »die Krebsraten nicht in die Höhe geschnellt«. Das Robert Koch-Institut (RKI) erklärt, dass es auch nach der Verabreichung von Milliarden Dosen weltweit keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt, dass Impfstoffe Krebs auslösen.
Einige Impfungen haben gar einen gegenteiligen Effekt: Sie schützen laut RKI vor Infektionen, die Krebs verursachen können. Die HPV-Impfung könne auf diesem Weg unter anderem die Entwicklung von Gebärmutterhalskrebs und die Hepatitis-B-Impfung das Entstehen von Leberkrebs verhindern.