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Frauengesundheit
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Tschüss »Bikini-Medizin«

Eigentlich ist es trivial: Männer und Frauen sind unterschiedlich. Doch im Bereich von Prävention und Therapie kommt dieser Gedanke nur sehr langsam an. Die geschlechtersensible Medizin versucht, das zu ändern. Warum das auch ein wichtiges Thema für Apothekerinnen und Apotheker ist, verdeutlicht Filialleiterin und Apothekerin Tilly Duderstadt aus der Nordring Apotheke in Berlin.
AutorKontaktHanke Huber
Datum 22.08.2025  07:00 Uhr

In der Vergangenheit nahm man an, dass sich die weibliche von der männlichen Gesundheit nur in den anatomischen Regionen unterscheidet, die von einem Bikini bedeckt werden. Stichwort: »Bikini-Medizin«. Längst weiß man, dass dies bei Weitem nicht zutrifft. Nicht nur ein Herzinfarkt äußert sich bei Frauen oft völlig anders als bei Männern. Auch gibt es, bedingt durch die Geschlechtschromosomen, deutliche Unterschiede zwischen dem biologisch männlichen und weiblichen Geschlecht. Diese betreffen insbesondere die Sexualhormone, Anatomie und Physiologie. Auch die Transitzeit im Magen-Darm-Trakt dauert länger, die Leber und Niere arbeiten anders, die Hormone mischen mit. »Die ganze Pharmakokinetik läuft bei Frauen deutlich anders ab als bei Männern. Da sind auch wir Pharmazeuten gefragt«, sagt die Apothekerin Tilly Duderstadt. »Wir brauchen nicht nur eine geschlechtersensible Medizin, wir brauchen auch eine geschlechtersensible Pharmazie.«

Unerwünschte Nebenwirkungen

Da Frauen nun mal keine kleinen Männer sind, reagieren sie auf viele Medikamente anders als Männer – häufig auch mit Nebenwirkungen. Das belegt zum Beispiel eine Studie von US-Forschern, die 2020 im Fachblatt Biology of Sex Differences veröffentlicht wurde. Bei den meisten der 86 von den Wissenschaftlern untersuchten und von der FDA zugelassenen Medikamenten traten bei Frauen erhöhte Blutkonzentrationen und längere Eliminationszeiten auf. Die Unterschiede in der Pharmakokinetik standen mit geschlechtsspezifischen Unterschieden bei den unerwünschten Nebenwirkungen in engem Zusammenhang, berichten die Forscher. Solche Nebenwirkungen waren bei 59 Arzneimitteln zu verzeichnen.

»Wir brauchen nicht nur eine geschlechtersensible Medizin, sondern auch eine geschlechtersensible Pharmazie.«
Tilly Duderstadt

Beispiele, bei denen man weiß, dass sie bei Frauen anders wirken, sind Opioide. Frauen brauchen für die gleiche Schmerzlinderung eine niedrigere Dosierung. Ein anderes Beispiel ist das Schlafmittel Zolpidem. »Es hat sich gezeigt, dass Zolpidem bei Frauen eine deutlich längere Halbwertszeit hat als bei Männern. Die FDA hat in diesem Fall tatsächlich festgelegt, dass die Dosierung in den Fachinformationen entsprechend geschlechterdifferenziert aufgeführt wird«, so Duderstadt. Ihr selbst sei in der Praxis aufgefallen, dass manche Ärztinnen und Ärzte zum Beispiel im kardiovaskulären Bereich Dosierungsanpassungen vornehmen. »Das ist ein extrem spannender Bereich. Bei Frauen treten deutlich häufiger Nebenwirkungen wie Schwindel, Sturz und entsprechend niedriger Blutdruck oder Bradykardien auf«, sagt die Apothekerin. Man müsse also eigentlich im Vorhinein mit einer geringeren Dosis beginnen, so ihre Folgerung. »Eigentlich ist es skandalös, dass wir hier nicht die Dosis auftitrieren, sondern erst mal gucken, ob die Dame hinfällt oder nicht!«

Von Mäusen und Männern

Wer das Problem angehen möchte, muss auch bei der Forschung ansetzen. »Viele Zulassungsstudien von Arzneimitteln wurden vorwiegend mit männlichen Probanden durchgeführt. Und bei Tierversuchen werden noch immer vorwiegend männliche Tiere verwendet.« Das führt übrigens zu einem weiteren kritischen Aspekt: Wie künstliche Intelligenz Frauengesundheit wahrnimmt. Duderstadt hat sich damit beschäftigt. Ihr Fazit: »Ich würde knallhart sagen, dass KI im Hinblick auf Frauen häufig diskriminierend ist.« Das Problem sei die Datenbasis. Oder anders gesagt: »Shit in, shit out«. Duderstadt: »Wenn es keine Daten zu Frauengesundheit gibt, kann eine KI auch nicht frauengerecht agieren. Die ePA bietet hier eine Riesen-Chance. Sie könnte dabei helfen, das Gender Data Gap zu schließen.«

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