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Antidepressiva
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Tool aus Oxford minimiert Therapieabbrüche

Therapieabbrüche sind bei Antidepressiva insbesondere in den ersten Wochen häufig. Um die Rate zu senken und die Adhärenz zu verbessern, haben Forschende aus Oxford das KI-gestützte Tool PETRUSHKA entwickelt, das den individuell passendsten Wirkstoff ermitteln soll. In einer klinischen Studie schnitt das Programm gut ab.
AutorKontaktLaura Rudolph
Datum 10.04.2026  16:20 Uhr

Viele Menschen mit Depressionen brechen eine medikamentöse Therapie bereits in den ersten Wochen ab, sei es aufgrund von Nebenwirkungen oder der verzögert einsetzenden Wirkung. Um die Adhärenz zu verbessern, haben Forschende der Universität Oxford in England die digitale Anwendung »PETRUSHKA« entwickelt, die Ärzte dabei unterstützt, den individuell am besten geeigneten Wirkstoff für Patienten mit Depressionen zu finden. Bei der Wahl des Antidepressivums berücksichtigt das KI-gestützte Programm nicht nur ärztliche Vorgaben, sondern auch Patientenpräferenzen, insbesondere hinsichtlich tolerierbarer Nebenwirkungen, sowie demografische Daten wie Alter, Geschlecht und Körpergewicht.

In einer randomisierten Studie erwies sich das Tool als wirksam: Es kam im Vergleich zu einer nicht-PETRUSHKA unterstützten Behandlung zu rund 40 Prozent weniger Therapieabbrüchen innerhalb der ersten acht Wochen. Außerdem verspürten Teilnehmer, deren Medikation auf Basis des Vorhersagetools ausgewählt wurde, nach 24 Wochen eine stärkere Linderung ihrer Symptome. Die Ergebnisse sind kürzlich im Fachjournal »JAMA« erschienen.

An der Studie nahmen 540 Menschen zwischen 18 und 74 Jahren mit schwerer Depression teil, die an einem von 47 Standorten in Brasilien, Kanada oder dem Vereinigten Königreich innerhalb der Primärversorgung behandelt wurden. Vollständig auswerten konnten die Forschenden um Professor Dr. Andrea Cipriani allerdings nur Daten von 493 Personen. Bei 252 von ihnen wurde die Medikation ohne und bei 241 mit PETRUSHKA ausgewählt. 

Deutlich bessere Adhärenz

In der Interventionsgruppe brachen insgesamt 69 Personen (17 Prozent) die Therapie innerhalb der ersten acht Wochen ab (primärer Endpunkt), 22 aufgrund unerwünschter Wirkungen (9 Prozent). In der Kontrollgruppe fielen die Abbruchraten höher aus: 69 von 252 Patienten setzten die Therapie nicht fort (27 Prozent), 39 (16 Prozent) wegen Nebenwirkungen. Damit war das relative Risiko für einen Therapieabbruch unter Einsatz von PETRUSHKA rund 37 Prozent geringer als bei der Kontrolle.

Die Stärke depressiver Symptome ermittelten die Forschenden mithilfe des Fragebogens Patient Health Questionnaire‑9. Daraus ergibt sich ein Score mit einer maximalen Punktzahl von 27 (je höher, desto stärker die Symptome). Nach 24 Wochen Behandlung mit Antidepressiva betrug der durchschnittliche Score in der PETRUSHKA-Gruppe 7,1 – gegenüber 9,2 in der Kontrollgruppe. Angstsymptome fielen in der Interventionsgruppe ebenfalls niedriger aus: Hier erreichten die Patienten auf der Angstskala GAD-7 (0 bis 21 Punkte) nach 24 Wochen im Durchschnitt 4,6 Punkte. In der Kontrollgruppe lag der Wert bei 5,8.

»Die psychische Gesundheit hinkt anderen Bereichen der Medizin hinterher und viel zu lange basierte die Behandlung mit Antidepressiva auf Versuch und Irrtum. PETRUSHKA zeigt, dass wir durch die Kombination der bestverfügbaren Evidenz mit den Präferenzen der Patientinnen und Patienten die Behandlung mit Antidepressiva von Beginn an individuell anpassen und mehr Menschen dabei helfen können, bei dem für sie geeigneten Medikament zu bleiben«, kommentierte Erstautor Cipriani in einer Pressemitteilung der Oxford-Universität.

Weitere Studien seien notwendig, um Langzeiteffekte und das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Intervention zu untersuchen. Als Limitation räumen die Autoren ein, dass die Studie nicht doppelt verblindet war und einige Daten nicht vollständig ausgewertet werden konnten.

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