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AOK-Veranstaltung
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Theiss: »Wir Ärzte waren zu arrogant«

Bei der gestrigen, von der AOK organisierten Veranstaltung »Ambulante Versorgung – Zugang darf kein Zufall sein« in Berlin war die Primärversorgung das zentrale Thema. Nur der Bundestagsabgeordnete Hans Theiss (CSU) erwähnte die Apotheken, wurde aber von der Moderatorin darauf hingewiesen, dass dies nicht das Thema des Abends sei.
AutorKontaktAlexandra Amanatidou
Datum 14.01.2026  15:40 Uhr

Nach einem kurzen Input zum Thema Primärversorgung und einem Vergleich des deutschen Systems mit anderen Ländern begann die Podiumsdiskussion. Mit dabei waren die Politiker Armin Grau (Bündnis 90/Die Grünen), der den gesundheitspolitischen Sprecher Janosch Dahmen vertrat, sowie Hans Theiss (CSU), der als Berichterstatter für die sektorenübergreifende Versorgung der Fraktion von CDU/CSU im Bundestag tätig ist.

Zu den weiteren Gästen zählten Carola Reimann (Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes), Markus Beyer (Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes) und Anke Richter-Scheer (stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe).

Primärversorgungssystem: Hausärzte als zentrale Stelle

»Wir waren in der Vergangenheit zu arrogant. Ärzte müssen lernen, Aufgaben abzugeben«, sagte der CSU-Politiker, der selbst Arzt ist. Aufgaben könnten delegiert werden, beispielsweise Impfungen an Apotheken. Rebecca Beerheide vom Deutschen Ärzteblatt, die die Veranstaltung moderierte, wies jedoch darauf hin, dass dies nicht das Thema des Abends war. Das Gleiche galt auch für Armin Grau, der 1–2 Mal über Prävention reden wollte.

Denn das zentrale Thema war das Primärversorgungssystem. Einig war sich die Runde darüber, dass Hausärzte als Koordinationsstelle im Gesundheitssystem agieren sollten. Nur Anke Richter-Scheer sprach von Bezugsärzten, die auch Fachärzte sein könnten. Dies findet sie für Menschen mit chronischen Erkrankungen fair. »Ich halte es für sehr wichtig, jungen Menschen mit chronischen Erkrankungen die Möglichkeit zu bieten, sich eine Bezugspraxis aussuchen zu dürfen.« Schließlich gebe es in Deutschland freie Arztwahl.

Die Runde sprach sich auch dafür aus, keine nicht-ärztlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Praxen einzustellen. »Ärzte können nicht alles machen«, sagte Richter-Scheer. Mit Blick auf den Fachkräftemangel sagte sie, dass auch eine erfahrene Rezeptionistin das Telefon in einer Arztpraxis bedienen könne.

Grau: »Wir ermöglichen Patienten-Odysseen«

Ein weiteres großes Thema war die Steuerung von Patientinnen und Patienten. Theiss wünscht sich zunächst eine digitale Einschätzung und anschließend den Besuch in der Arztpraxis. »Menschen, die digital nicht so affin sind, sollten auch eine andere Möglichkeit haben. Die erste digitale Einschätzung wird sich aber vermutlich etablieren«, sagte er. Ein Primärversorgungssystem werde seiner Meinung nach dennoch nicht die Kosten der GKV stützen, sondern lediglich eine bessere Steuerung im System ermöglichen. »Die Industrie, die Krankenkassen, aber auch die Patientinnen und Patienten haben eine Verantwortung für die Entlastung des Systems«, sagte er mit Blick auf einer Praxisgebühr.

Reimann stellte sich gegen eine Praxisgebühr. Diese gab es bereits in der Vergangenheit, sie hat jedoch nicht funktioniert. »Geld gibt es genug im System. Das Problem ist die Verteilung«, sagte die AOK-BV-Vorstandsvorsitzende. Auch Richter-Scheer sieht das ähnlich: »Wenn die Menschen gut gesteuert werden, brauchen wir auch nicht über mehr Geld zu reden.«

»Wir ermöglichen Patienten-Odysseen, weil wir keine gute Steuerung im System haben. Durch gezielte Maßnahmen können wir das ändern«, so Grau. Für ihn ist es wichtig, möglichst viele Probleme bereits beim Hausarztbesuch zu lösen und nur komplexe Fälle an Fachärztinnen und -ärzte zu überweisen.

»Optimal wäre eine Einschätzung der Eindringlichkeit und eine Abschließung im Primärversorgungssystem«, stimmt Reimann zu. Hausärztinnen und -ärzte sollten auch bei der Terminvereinbarung ihre Patientinnen und Patienten unterstützen, so Reimann. Beier sprach sich für eine Priorisierung der Fälle, etwa durch ein Ampelsystem, aus. Rot bedeutet dringlich und muss direkt versorgt werden, grün kann noch eine längere Wartezeit haben.

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