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Lieferengpässe
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»System operiert an der Kante«

David Francas von der Hochschule Worms hat für das Magazin »Die Zeit« das Thema Medikamentenknappheit untersucht. Laut seiner Daten ist die Zahl der Engpässe mittlerweile auf einem historisch hohen Niveau – das System habe »nicht mehr allzu viel Puffer«. Problematisch seien die zunehmende Marktkonzentration und nicht ausreichende finanzielle Mittel. 
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 10.04.2025  12:30 Uhr

Für seine wissenschaftliche Untersuchung wertete Francas Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zu Lieferengpässen aus und untersuchte, ob sich die Arzneimittelversorgung seit 2018 verschlechtert hat. »Lieferengpässe sind ein Warnzeichen dafür, dass man keine Reserven, keinen Puffer mehr im System hat«, so Francas. »Und die Daten zeigen: Unser System hat nicht mehr allzu viel Puffer. Es operiert an der Kante.«

Die Daten verdeutlichen laut Francas, dass sich Engpässe bei Medikamenten nach bestimmten Ereignissen häufen. Ein Beispiel sei der Engpass von Valsartan im Jahr 2018, als große Chargen des in China produzierten Medikaments wegen erhöhter Nitrosaminwerte, einem krebserregenden Stoff, zurückgerufen wurden. Ein weiteres Beispiel sei die Pandemie, die die globalen Lieferketten abrupt unterbrach. Diese Vorfälle würden verdeutlichen, wie stark unsere Arzneimittelversorgung von einem globalen Netzwerk abhänge: »Zwei Drittel der Wirkstoffe kommen aus China und Indien«.

Doch auch abgesehen von solchen Einzelfällen gebe es einen langfristigen Trend, der auf eine zunehmende Knappheit von Medikamenten hinweise. Laut Francas' Daten ist die Zahl der Engpässe mittlerweile auf einem historisch hohen Niveau. Studien würden belegen, dass vermehrte Engpässe zu größeren Versorgungsproblemen und sogar einer höheren Sterblichkeit führen können.

Zunehmende Marktkonzentration problematisch

Ein zentrales Problem ist laut Francas die zunehmende Marktkonzentration. Immer weniger Pharmaunternehmen hätten die Zulassung für bestimmte Medikamente, oft weil sich die Produktion wirtschaftlich nicht mehr lohne. Besonders betroffen seien Generika: Wenn in diesem konzentrierten Markt ein Hersteller ausfalle, könne das System den Verlust nicht ausreichend kompensieren.

Seitdem im Jahr 2023 das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG ) beschlossen wurde, habe sich die Situation nicht verschlechtert, aber auch nicht verbessert, sagt Francas. Dem System fehle es an finanziellen Mitteln – »und Resilienz kostet Geld«, ist er überzeugt.

Auf EU-Ebene wolle der Critical Medicines Act EU die Produktion von Medikamenten zurück nach Europa holen. 80 Millionen Euro sind dafür bis 2027 eingeplant. Mit diesem Betrag könne die Produktion eines Wirkstoffs von China nach Europa verlagert werden, so Francas. Der Aufbau und Produktionsstart einer solchen Anlage in Europa sei jedoch teurer als in Asien, was bedeute, dass solche Anlagen langfristig subventioniert werden müssten, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die politische Unterstützung für die Rückverlagerung der Produktion erfolge bislang mehr theoretisch als praktisch, so Francas. Doch es gebe positive Entwicklungen: Das Problem ist inzwischen auf politischer Ebene anerkannt, und mehrere EU-Gesundheitsminister haben sich kürzlich dafür ausgesprochen, den EU-Verteidigungsfonds auch für kritische Medikamente zu nutzen. Dieser Fonds soll nach den Vorstellungen von Ursula von der Leyen ein Volumen von 800 Milliarden Euro erreichen. Die Gesundheitsminister argumentieren, dass Europas Verteidigungsfähigkeit ohne ausreichende Versorgung mit wichtigen Medikamenten gefährdet wäre und dass Arzneimittelsicherheit nicht länger als nebensächlich betrachtet werden dürfe. 

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