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Schlafstörungen
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Stress runter statt Melatonin rauf

Melatonin-haltige Nahrungsergänzungsmittel als »natürliche Schlafhilfe« sind in der Werbung omnipäsent. Pharmakologisch ist fraglich, ob sie über einen Placeboeffekt hinaus wirken. Stattdessen sollten Betroffene auf ein anderes Hormon achten.
AutorKontaktKerstin A. Gräfe
Datum 18.03.2026  16:20 Uhr

»Melatonin ist kein klassisches Hypnotikum wie ein Benzodiazepin, sondern ein Hormon, das an der Regulation eines komplexen Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt ist«, betonte Professor Dr. Michael Keusgen von der Philipps-Universität Marburg. Damit einher gingen wesentliche Unterschiede.

Benzodiazepine entfalten ihre Wirkung über eine allosterische Bindung an den GABA-A-Rezeptor. Dies ist reproduzierbar: »Nach einer einmaligen Einnahme schlafen Sie nach etwa 30 Minuten bis zu einer Stunde tief und fest mit allen Nebenwirkungen und Problemen, die damit assoziiert sind«, sagte Keusgen.

Bei Melatonin sehe das anders aus. Zwar wirke das Hormon auch über einen Rezeptor, den Melatonin-Rezeptor, hier habe man aber einen komplexen neuronalen Regelkreis. Nach einer einmaligen Einnahme, egal in welcher Dosierung, schlafe man in der Regel nicht. Falls doch, sei dies wohl einem Placeboeffekt geschuldet. »Mit fünf oder zehn Sprühstößen eines hoch dosierten Melatonin-Sprays oder mit Schmelztabletten kriegen Sie das Melatonin nicht hoch«,  so der Referent. 

Bei Mehrfachgabe könne Melatonin hingegen tatsächlich den circadianen Rhythmus verschieben. Idealerweise sollte vor einer Supplementierung ein Mangel des Hormons beziehungsweise ein verschobener Rhythmus per Laborbefund diagnostiziert worden sein. Zu empfehlen seien dann ausdrücklich und ausschließlich zugelassene retardierte Arzneimittel.

Cortisol als Hauptschuldiger von Schlafstörungen

Darüber hinaus sei zu berücksichtigen, dass neben Melatonin zwei weitere Regulatoren am Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt sind: Cortisol und Orexine. Cortisol nannte Keusgen den »Schlaf-Verhinderer Nummer 1«. Wichtig sei es, den Cortisolspiegel mit Geist-Körper-Methoden wie Yoga und Tai-Chi oder mit Adaptogenen wie Rhodiola und Ginseng zu senken. Bei hohen Cortisolspiegeln sei es sinnlos, »Melatonin obendrauf zu kloppen«.

Orexine sind Neuropeptide und der Angriffspunkt des Wirkstoffs Daridorexant. Dabei handelt es sich um den derzeit in Europa einzigen zugelassenen dualen Orexin-Rezeptorantagonisten (DORA). »Daridorexant ist aber kein Allheilmittel als Alternative zu den Benzos und den Z-Substanzen«, so Keusgen. Zwar wirke der DORA wie die Benzodiazepine über einen definierten Rezeptor. Dennoch solle man auch hier im Hinterkopf behalten, dass man in einen Hormonstoffwechsel eingreift. Kritisch sah der Referent zudem die recht lange Einnahmedauer von zwölf Monaten.

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