| Theo Dingermann |
| 06.01.2026 16:00 Uhr |
Fentanyl wird wegen der enormen Wirksamkeit und des hohen Suchtpotenzials häufig anderen Drogen beigemengt. / © Getty Images/Stefano Madrigali Photography
Zu Beginn des neuen Jahres berichten verschiedene Medien vom Start einer Phase-I/II-Studie, mit der das US-amerikanischen Unternehmen ARMR Sciences einen Impfstoffkandidaten zum Schutz vor einer Fentanyl-Überdosis testet. Noch in diesem Monat soll mit der Rekrutierung von rund 40 gesunden Erwachsenen begonnen werden, um die Sicherheit des Impfstoffkandidaten zu testen.
Im ersten Teil der Studie erhalten die Probanden zwei Impfungen in unterschiedlichen Dosierungen und die Forschenden messen ihren Antikörperspiegel im Blut. Bei Erfolg erhält im zweiten Teil der Studie eine kleine Gruppe der Probanden dann eine therapeutische Dosis Fentanyl, um zu testen, wie gut der Impfstoff die Fentanyl-Wirkung blockiert.
Die Studie wird im Centre for Human Drug Research in den Niederlanden durchgeführt. Man habe den Standort in den Niederlanden gewählt, heißt es von Seiten des Unternehmens, da hier bereits Erfahrung mit Studien zu Naloxon und Nalmefen gemacht wurden – Wirkstoffe, die ebenfalls zum Schutz vor Opioid-Überdosierungen eingesetzt werden.
Ursprünglich wurde der Impfstoff von Forschenden der University of Houston mit Mitteln des US-Verteidigungsministeriums entwickelt, bevor ARMR Sciences dann den Kandidaten lizenzierte. Der Impfstoff trainiert das Immunsystem, Antikörper zu produzieren, die an Fentanyl-Moleküle im Blutkreislauf binden und verhindern, dass die Droge die Blut-Hirn-Schranke überwindet.
Es handelt sich um einen Konjugat-Impfstoff, bei dem ein synthetisches Fentanyl-Fragment an CRM197 gebunden ist. Letzteres ist eine genetisch inaktivierte Form des von Corynebacterium diphtheriae produzierten Diphtherietoxins. Eine einzige Mutation an Position 52, bei der Glycin durch Glutaminsäure ersetzt wird, führt zum Verlust der ADP-Ribosyltransferase-Aktivität des nativen Toxins. Aufgrund dieser genetischen Inaktivierung bleiben die für die Konjugation benötigten Lysin-Amine vollständig erhalten. Unter anderem wird CRM197 als Konjugationspartner für die Prevenar®-Pneumokokken-Impfstoffe verwendet.
Zudem enthält der Fentanyl-Impfstoffkandidat dmLT (double mutant heat-labile toxin) als Adjuvans, eine immunaktivierende Verbindung aus Escherichia-coli-Bakterien.
In Rattenstudien blockierte der Impfstoff 92 bis 98 Prozent des Fentanyls und verhinderte, dass relevante Dosen die Blut-Hirn-Schranke überwinden und ins Gehirn gelangen konnten. Der Schutz hielt bei Tieren mindestens 20 Wochen an, was nach Ansicht der Forschenden ungefähr einem Jahr Schutz beim Menschen entsprechen könnte.
Zwar zeigt der Impfstoff in vitro keine Kreuzreaktion mit anderen Opioiden wie Morphin, Oxycodon oder Methadon, was bedeutet, dass geimpfte Personen weiterhin alternative Schmerzmedikamente erhalten könnten. Dies muss allerdings rigoros bei menschlichen Patienten getestet werden, um sicherzustellen, dass durch die Impfung nicht eine wichtige Therapieoption genommen wird.
Umfragen in den USA zeigen, dass eine Akzeptanz eines Fentanyl-Impfstoffs prinzipiell vorhanden ist. Eine wichtige Zielgruppe für den Impfstoff wären Jugendliche und junge Erwachsene, die beim Konsum von Drogen versehentlich mit Fentanyl in Kontakt kommen könnten. Das ist ein durchaus realistisches Szenario, da Fentanyl wegen der enormen Wirksamkeit und des hohen Suchtpotenzials anderen Drogen beigemengt wird. Auch Personen mit einer Opioid-Abhängigkeit, die sich in aktiver Behandlung befinden, wären geeignete Kandidaten für eine Impfung.
ARMR ist nicht das einzige Unternehmen, das einen immunologischen Ansatz im Bereich der Suchtprävention verfolgt. Das Unternehmen Counter-X Therapeutics entwickelt außer Impfstoffkandidaten gegen Fentanyl und Heroin auch monoklonale Antikörper. Diese scheinen einen etwa Monat langen Schutz vor Überdosierung zu bieten.
Der Gründer des Unternehmens Counter-X Therapeutics, Dr. Marco Pravetoni, glaubt, dass ein kurzfristiger Schutz kommerziell praktikabler sein könnte, insbesondere angesichts der aktuellen politischen Einstellung in den USA zu Impfstoffen. »Wir denken, dass ein Monat Schutz ziemlich gut ist, um ein Sicherheitsnetz bereitzustellen«, sagt Pravetoni gegenüber der Plattform »The Tech Buzz«. Sein in Seattle ansässiges Unternehmen beginnt ebenfalls Anfang 2026 mit Studien am Menschen.
Sollten die Impfstoffe das klinische Evaluationsprogramm erfolgreich durchlaufen, werden sie das Suchtproblem nicht lösen und die Menschen nicht davon abhalten, sich Drogen zu beschaffen. Aber sie könnten für eine bestimmte Zielgruppe eine entscheidende Hilfe in der Opioid-Krise bedeuten, in der durch Überdosierung zuletzt jährlich mehr als 100.000 Amerikaner starben.