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Starker Verordnungs-Anstieg bei ADHS-Medikamenten

Zwischen 2010 und 2023 stiegen die Verschreibungen von ADHS-Medikamenten in fünf europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, deutlich an – bei Erwachsenen stärker als bei Kindern und Jugendlichen.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 22.01.2026  14:30 Uhr

Ein Team von Forschenden um Dr. Xintong Li vom Nuffield Department of Orthopaedics, Rheumatology and Musculoskeletal Sciences an der Universität Oxford, United Kingdom, analysierten in einer bevölkerungsbezogene Beobachtungsstudie elektronische Gesundheitsakten aus den fünf europäischen Ländern Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Ziel dieser populationsbasierten Beobachtungsstudie war es, über einen Zeitraum von 13 Jahren bei Personen ab drei Jahren die Prävalenz und Inzidenz von ADHS-Erkrankungen sowie die Verwendung der für diese Krankheit indizierten Medikamente Methylphenidat, Dexamphetamin, Lisdexamfetamin, Atomoxetin und Guanfacin abzuschätzen.

Als eines der zentralen Ergebnisse berichten die Forschenden im Wissenschaftsmagazin »The Lancet Regional Health« einen deutlichen Anstieg der medikamentösen ADHS-Behandlung über den gesamten Studienzeitraum hinweg. Dies trifft für alle Länder zu, deren Daten in der Studie analysiert wurden.

Besonders ausgeprägt war dieser Trend bei Erwachsenen, während sich die Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen länderabhängig unterschieden. In relativen Zahlen verzeichnete das Vereinigte Königreich den stärksten Zuwachs. So stieg dort die Gesamtprävalenz der ADHS-Medikation um mehr als das Dreifache, während sich in den Niederlanden die Gesamtprävalenz mehr als verdoppelte. Absolut gesehen blieben die Niederlande das Land mit der höchsten Prävalenz. Diese Befunde unterstreichen erhebliche Unterschiede in Versorgungspraxis, Diagnostik und Gesundheitssystemen innerhalb Europas.

Verordnungen für weibliche Betroffene holen auf

Ein wesentliches strukturelles Merkmal der beobachteten Entwicklung ist die Verschiebung hin zu älteren Altersgruppen. In mehreren Ländern überstieg die Prävalenz der medikamentösen Behandlung bei jungen Erwachsenen (18 bis 24 Jahre) gegen Ende des Beobachtungszeitraums jene bei Kindern im Grundschulalter. Parallel dazu nahm die Inzidenz, also die Zahl der Neueinstellungen auf ADHS-Medikamente, bei Erwachsenen kontinuierlich zu, während sie bei Kindern in einigen Ländern stagnierte oder sogar rückläufig war.

Diese Muster sprechen für eine zunehmende Wahrnehmung und Diagnose von ADHS im Erwachsenenalter sowie für veränderte diagnostische Kriterien und einen veränderten gesellschaftliche Diskurs.

Geschlechtsspezifisch werden ADHS-Medikamente zwar über alle Altersgruppen hinweg nach wie vor häufiger für Männer als für Frauen verordnet. Allerdings verringerte sich der Abstand zwischen den Geschlechtern im Untersuchungszeitverlauf deutlich. Besonders auffällig ist der starke relative Zuwachs bei erwachsenen Frauen, vor allem im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden, wo in den vergangenen Jahren teilweise mehr Frauen als Männer neu auf ADHS-Medikamente eingestellt wurden. Dieser Befund wird von den Forschenden als Hinweis auf eine zunehmende Sensibilisierung für weibliche ADHS-Symptomatik interpretiert.

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