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Carol Rama
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Später Ruhm für die Rebellin

Sexualität, Krankheit und Wahn sind die Themen, die sich wie ein roter Faden durch das Werk von Carol Rama ziehen. Eine Retrospektive aus der 70-jährigen Schaffensphase der exzentrischen Künstlerin aus Turin ist nun in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main zu sehen.
AutorKontaktAngela Kalisch
Datum 21.10.2024  07:00 Uhr

Mit zartem, blassem Strich sind die Figuren gezeichnet, fast zerbrechlich wirken sie ‒ und doch steckt in ihnen die explosive Kraft der Provokation. Frauen mit entblößten Geschlechtsteilen und herausgestreckten Zungen, gefesselte Körper und amputierte Gliedmaßen: Gleich mit ihrer ersten Werkserie nimmt sich Carol Rama (1918-2015) die Freiheit, gegen sämtliche Konven­tionen ihrer Zeit zu verstoßen.

Ein erster Versuch, ihre erotischen Aquarelle in den 1940er-Jahren auszustellen, scheitert. Noch vor der Eröffnung fallen sie der Zensur zum Opfer. Zu obszön für das konservativ-katho­lische Italien, das faschistische Italien zumal. Erst im Jahr 1979 kann die Öffentlichkeit erstmals die zwischen 1936 und 1945 entstandenen Werke sehen. Jene Zeichnungen, die die Künstlerin berühmt-berüchtigt machen sollten.

Die freie und die gefesselte Frau

Die selbstbewusste Frau, die ihre Lust und Sexualität frei ausleben kann; im Kontrast dazu die gequälte, gefesselte Frau sind die Inhalte dieser frühen ­Bilder. Es sind auch, aber nicht nur, auto­biografische Schicksalsschläge, die Rama in ihrer Kunst verarbeitete. Aufgewachsen in wohlbehüteten Verhältnissen in Turin, wo der Vater eine Fabrik für Autoteile und Fahrräder betrieb, zerbrach ihre heile Welt früh. Die Mutter kam in die Psychiatrie, der Vater nahm sich das Leben, nachdem die Weltwirtschafts­krise sein Unternehmen ruiniert hatte.

Nach der psychiatrischen Einrichtung »I due Pini« ist eine ganze Reihe von Bildern benannt, die Frauen im Zustand des Wahns oder ihrer Bewegung beraubt darstellen. Doch sie scheinen über die Situation der äußeren Zwänge sowie über Krankheit und Tod zu triumphieren.

In der langen Zeit ihres künstlerischen Schaffens erfindet sich Rama immer wieder neu. So zeigen minimalistisch reduzierte Ölgemälde Porträts und fast gesichtslose Antiporträts; in einer experimentellen Phase in den 1960er-Jahren entstehen auch abstrakte Arbeiten. Die Ausstellung greift ­diese Vielfalt auf, indem sie die unterschied­lichen Werkphasen wie in einem Labyrinth präsentiert. Hinter jeder Abzweigung eine neue Stilrichtung, oft ein kompletter Bruch.

Erweiterung der Leinwand

Einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung stellen die sogenannten Bricolagen dar, mit denen Rama die zwei­dimensionale Leinwand verlässt, um die Malerei mit Objekten zu erweitern, die in den Raum hineinragen. Als Materialien dienen Alltagsgegenstände, mit denen sie Kunst und normales Leben zusammenführt: Rasierpinsel, medizinische Spritzen, abgeschnittene Tuben und immer wieder Puppenaugen, die den Blick vom Kunstwerk auf die Betrachtenden zurückwerfen.

Die Bricolagen greifen Themen der frühen Zeichnungen auf, mit expliziten Darstellungen von Sexualität und beschädigter Körperlichkeit. Aufgeschnittene Autoreifen und Fahrradschläuche als Material erinnern schließlich nicht nur an die einstige Fabrik des Vaters, sondern integrieren auch den Indus­trie­standort Turin in die Kunst.

Carol Rama war eine Rebellin in einer männerdominierten (Kunst-)Welt, aus der sie sich durch ihre unkonventionellen Werke befreite. Nicht zuletzt durch ihre schillernde Persönlichkeit wurde sie auch zur Wegbereiterin feministischer Kunst. Zu wirklichem Ruhm gelangte sie erst spät, etwa als sie im Jahr 2003 mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Entsprechend ungehalten reagierte sie auf die jahrelang ausgebliebene Würdigung: »Das macht mich natürlich stocksauer, denn wenn ich wirklich so gut bin, kapiere ich nicht, warum ich so lange hungern musste, auch wenn ich eine Frau bin.« 

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