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Medizingeschichte
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So stellte man sich 1924 Telemedizin vor

Vor 100 Jahren waren einige Ärzte fasziniert von Technik. Einer von ihnen war Fritz Kahn, Chirurg und Gynäkologe aus Halle. Mit seinen Skizzen zeichnete er eine moderne Versorgungswelt, die der heutigen Realität sehr nahekommt.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 31.07.2024  11:00 Uhr

Ein bärtiger Arzt im Frack steht vor seinem Schreibtisch und blickt auf ein Kontrollgerät. Neben ihm liegen ein Lehrbuch, eine Uhr, ein Telefon. An der Wand werden Herz- und Atemfunktionen überwacht. Aus einem Lautsprecher ertönen Herztöne, dargestellt durch fliegende Noten.

Heute würde sich niemand mehr über diese Illustration namens »Der Arzt der Zukunft« wundern, die zeigt, wie die Technik die Visite ersetzt. Damals, als Arzt und Autor Fritz Kahn sie vor exakt 100 Jahren anfertigte, allerdings schon. In seiner Beschreibung bemerkte er, der Arzt der Zukunft müsse nicht mehr »täglich bei Wind und Wetter das Krankenbett aufsuchen, um etwas über den Zustand des Herzens zu erfahren«. Wie recht er behalten sollte …

Kahn war bekannt für seine innovativen, pädagogischen und wissenschaftlichen Skizzen, die er später von Künstler verfeinern ließ. In den Folgejahren entstanden weitere Darstellungen seiner Vorstellung vom modernen Doktor, die bereits den Einfluss der Technologie auf die Arzt-Patienten-Beziehung antizipierten. Zentral war die Entfremdung des Arztes vom Patienten – bis heute aktuell. Das Fachblatt »JAMA« widmete Kahn kürzlich einen Beitrag.

Organismen wie Maschinen prüfen

Bereits seinerzeit machte Kahn deutlich: Der gute alte Hausarzt, der »seine geheimnisvollen Rezepte mit würdevoller Miene ausstellt«, hat ausgedient. Stattdessen werde er zum Bioingenieur, der den menschlichen Körper als einen Organismus betrachte, dessen Funktionen sich mit ähnlichen Methoden und Apparaten untersuchen ließen, wie ein Ingenieur die Funktion seine Maschinen prüfe.

Eine weitere Illustration zeigt einen Patienten, der in einem Bett auf einem Kreuzfahrtschiff liegt und über bidirektionale Funkwellen mit dem Büro des Arztes verbunden ist. Kahn sprach davon, dass die Ferndiagnose »eine neue Ära der medizinischen Praxis« einläuten werde. Er stellte sich den Beruf des Mediziners so vor: Über sein Gerät empfängt er Patienten rund um die Welt und schickt seine Rezepte direkt an deren Hausärzte. Außerdem nimmt er mithilfe seiner technischen Ausstattung an fachlichen Konferenzen rund um den Globus teil, um sich mit Experten über komplizierte Fälle auszutauschen.

Trotz seiner Begeisterung für Technologie hatte Kahn auch Bedenken, wie laut »JAMA« autobiografische Schriften von Mitte der 1950er-Jahre verraten: »Vor hundert Jahren behandelte ein Arzt den Menschen, vor 50 Jahren war er Internist oder Chirurg, heute ist er ein Röntgenfotograf, der Bilder von einem Herzen macht, das er nicht sieht, von einer Person, die er nicht kennt, von einem Fall, den er nicht verfolgt«, hieß es.

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