Die Scharfstoffe in Senf wirken innerlich vor allem sekretionsfördernd und keimhemmend, äußerlich angewendet regen sie die Durchblutung an. / © Getty Images/ollo
Wenn Krämpfe im Anmarsch sind, schluckt Eishockey-Star Leon Draisaitl schon mal vorbeugend eine kleine Portion Senf aus der Tüte. In einem Interview bei Eurosport sagte der Kapitän der deutschen Olympia-Auswahl: »Senf ist total gut gegen Krämpfe.« Eine allgemein gültige Empfehlung lässt sich hier allerdings nicht aussprechen.
Die in Senf enthaltene Essigsäure soll die Durchblutung der belasteten Muskulatur anregen und damit vorbeugend sein. Die Studienlage dazu ist allerdings dünn. In einem evidenzbasierten Review zur Pathophysiologie, Behandlung und Prävention trainingsbasierter Muskelkrämpfe in der Zeitschrift »Journal of Athletic Training« aus dem Jahr 2022 schrieb ein Autorenteam um Kevin C. Miller von der School of Rehabilitation and Medical Sciences der Central Michigan University, USA, dass es zur Wirksamkeit von Senf gegen Krämpfe bislang nur anekdotische Hinweise gebe.
Das muss aber nicht heißen, dass es dem Einzelnen nicht hilft. So sei das auch bei Magnesium, auf das besonders viele Menschen zum Vorbeugen von Muskelproblemen schwören, sagt der Orthopäde Privatdozent Dr. Christian Sturm von der Medizinischen Hochschule Hannover. »Ich kenne keine Studie, die bewiesen hat, dass Magnesium gegen Krämpfe hilft oder ihnen vorbeugt«, so der Mediziner. »Aber viele Menschen sagen, dass es ihnen hilft – man kann es ausprobieren.«
Weißer und Schwarzer Senf (Sinapis alba und Sinapis nigra/Brassica nigra) gehören auch zum traditionellen Arzneipflanzenschatz. Die Samen enthalten neben den bekannten Senfölglykosiden auch fettes Öl, Proteine, Schleimstoffe, Sinapin, Flavonoide und Steroide. Verwendet werden sie vor allem äußerlich in Form von Senfbrei-Umschlägen als Hautreizmittel bei Atemwegsinfekten und zur Durchblutungsförderung bei rheumatischen Erkrankungen. Innerlich wirkt Senf in erster Linie verdauungsfördernd, aber auch keimhemmend.
Krämpfe sind nach Sturms Worten eine Überlastung des Muskels, bei der viele Faktoren eine Rolle spielen. Was dagegen fast immer helfe: Dehnung. Sturm sagt: »Der Muskel neigt viel weniger zum Krampfen, wenn er geschmeidig gehalten wird.« Gerade im Leistungssportbereich werde Dehnen kontrovers gesehen, so der Experte. Denn durch das Dehnen werden die Muskelfasern gestreckt, sodass die Muskelspannung nicht mehr maximal ist. Aber Hobbyathleten tun gut daran, sich beim Sport zu dehnen, rät er.
Beim Dehnen wichtig: Die Muskeln sollten schon etwas warm sein. Beim Joggen etwa sei es empfehlenswert, den ersten Kilometer langsam anzugehen. Erst wenn der Muskel warm und gut durchblutet ist, sollte man ihm und den Bändern hohe Leistung abverlangen, erklärt Sturm. Dann kann man die Belastung steigern und die nächsten Kilometer schneller laufen. Nach dem Sport dann in Ruhe alle belasteten Muskelgruppen dehnen, um Krämpfen vorzubeugen, rät er.
Und wenn es doch mal krampft? Dann sollte man sein Sporttraining abbrechen. Wärme, eine sanfte Massage, lockere Bewegungen und sanftes Dehnen können helfen, den Muskel zu entspannen. Außerdem ratsam: Getränke mit Salz und Kohlenhydraten. Natürlich kann man dann auch etwas Senf zu sich nehmen.
Das Review im »Journal of Athletic Training« sah beim Senf zwar nur anekdotische Hinweise auf eine Wirksamkeit gegen Krämpfe, verwies aber im gleichen Kontext auf Versuche mit Gewürzgurkenwasser. Das habe bei Krämpfen eine deutlich schnellere Linderung gebracht als reines Wasser. Ein möglicher Grund könnte demnach sein, dass der in der Gurkenlake enthaltene Essig einen Reflex auslöst, der die Krampfaktivität hemmt.