| Jennifer Evans |
| 20.03.2026 15:00 Uhr |
Trennung von Mutter und Vater wirkt nach: Kinder geschiedener Eltern haben später oft selbst ein höheres Trennungs- oder Scheidungsrisiko. / © Adobe Stock/NDABCREATIVITY
In Deutschland erlebt heute etwa jedes vierte Kind die Trennung seiner Eltern. Welche Spuren das hinterlässt, zeigt eine Langzeitstudie aus den Niederlanden. Wer nämlich als Kind eine Scheidung erlebt, bekommt später im Schnitt weniger eigene Kinder.
Besonders deutlich ist der Effekt bei Männern. Söhne geschiedener Eltern bleiben mit gut 6 Prozentpunkten häufiger kinderlos als Söhne verheirateter Eltern; bei Frauen liegt der Unterschied bei etwas mehr als 2 Prozentpunkten. Insgesamt sinkt die durchschnittliche Kinderzahl nach einer elterlichen Trennung bei Männern um rund 13 Prozent, bei Frauen um etwa 5 Prozent – jeweils im Vergleich zu Kindern, deren Eltern verheiratet bleiben.
Auffällig ist zudem ein Generationseffekt. In älteren Geburtsjahrgängen waren die Unterschiede stärker ausgeprägt – vor allem bei Frauen. Eine mögliche Erklärung des Forschungsteams um Dr. Silvia Palmaccio von der Bocconi-Universität in Mailand: Erwachsene aus Scheidungsfamilien führen im Schnitt kürzere Partnerschaften. Die im Fachjournal »Demography« veröffentlichte Untersuchung zeigt außerdem, dass sich das Alter der Kinder zum Zeitpunkt der Scheidung auswirkt. Bei älteren Mädchen sank die spätere Kinderzahl – bei Jungen jedoch nicht.
Heike Trappe, Professorin für Soziologie und Familiendemografie an der Universität Rostock, sieht in der Studie eine »wenig beachtete Erklärungsdimension« für die Fertilitätsforschung, wie sie in ihrer Einschätzung gegenüber dem Science Media Center (SMC) hervorhob. Besonders bemerkenswert findet sie, dass Scheidungskinder zwar insgesamt weniger Kinder bekommen, aber früher Eltern werden.
Gleichzeitig warnt Trappe vor vorschnellen Schlüssen für Deutschland. Die Niederlande seien kleiner, und unklar bleibe, ob tatsächlich die Scheidung selbst das spätere Verhalten präge oder ob Werte und Einstellungen der Herkunftsfamilien entscheidender seien.
Auch Professor Dr. Martin Bujard, Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, hält die Studie für »wissenschaftlich relevant«, wie er dem SMC sagte. Er betonte jedoch auch, wie unterschiedlich Trennungen verlaufen. Entscheidend für den späteren Kinderwunsch seien vor allem die Kommunikation nach der Trennung und der Kontakt zu beiden Elternteilen. Als Erklärung für niedrige Geburtenraten eignen sich die Studienergebnisse aus seiner Sicht nicht.