| Paulina Kamm |
| 26.01.2026 13:45 Uhr |
Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler: »Migration darf die Versorgung in Herkunftsländern nicht schwächen und kein kurzfristiges Reparaturinstrument für nationale Versäumnisse sein.« / © Christine Vogler
PZ: Indien weist selbst eine niedrige Pflegekraftdichte auf. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Rekrutierung von Pflegefachkräften aus Indien aus ethischer und rechtlicher Perspektive?
Christine Vogler: Die Zahlen zeigen deutlich, wie stark die Pflege in Deutschland inzwischen auf internationale Fachkräfte angewiesen ist. Der Anteil ausländischer Pflegefachpersonen an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Seit 2022 wird laut der Bundesagentur für Arbeit das Beschäftigungswachstum in der Pflege ausschließlich von ausländischen Fachkräften getragen. Ohne diese Entwicklung wäre der demografisch bedingte Fachkräftemangel bereits heute nicht mehr abzufedern. Internationale Pflegefachpersonen stabilisieren die Versorgung in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und der ambulanten Pflege und tragen dazu bei, Versorgungsstandards aufrechtzuerhalten. Deutschland rekrutiert Pflegefachpersonen aus vielen Ländern, die selbst unter Fachkräftemangel leiden. Internationale Anwerbung ist daher nur ethisch vertretbar, wenn sie freiwillig, transparent und fair erfolgt und sich an internationalen Standards orientiert. Migration darf die Versorgung in Herkunftsländern nicht schwächen und kein kurzfristiges Reparaturinstrument für nationale Versäumnisse sein.
PZ: Die pflegerischen Tätigkeitsprofile unterscheiden sich zwischen Indien und Deutschland, insbesondere im Hinblick auf Grundpflege und medizinische Kompetenzen. Welche Herausforderungen ergeben sich aus diesen Unterschieden für indische Pflegefachkräfte im deutschen Arbeitsalltag und welche Unterstützungsmaßnahmen halten Sie für sinnvoll?
Christine Vogler: Internationale Pflegefachpersonen bringen unterschiedliche Ausbildungswege, Rollenverständnisse und Kompetenzprofile mit. Der Pflegealltag in Deutschland stellt sie daher häufig vor fachliche und strukturelle Umstellungen. Notwendig sind Anerkennungs- und Anpassungsprogramme, gezielte Sprachförderung mit pflegefachlichem Fokus sowie eine Praxisanleitung, die vorhandene Kompetenzen anerkennt und nutzt.
PZ: In Indien existieren die ersten pflegewissenschaftlichen Studienabschlüsse bereits seit 1946, während die Akademisierung der Pflege in Deutschland erst in den 2000ern begann. Inwiefern trägt die Absichtserklärung aus Ihrer Sicht zur Stärkung der pflegerischen Ausbildung in Indien bei, und welche Impulse/Ausbildungsinhalte kann Deutschland dabei konkret übernehmen?
Christine Vogler: Internationale Pflegefachpersonen schließen nicht nur Personallücken. Viele verfügen über akademische Abschlüsse, langjährige Berufserfahrung und andere Versorgungsansätze. Sie können neue Perspektiven, moderne Methoden und eine stärkere interprofessionelle Zusammenarbeit in die Versorgung einbringen – vorausgesetzt, ihre Qualifikationen werden anerkannt und eingesetzt.
PZ: Indische Pflegefachkräfte werden in Deutschland dringend benötigt, gleichzeitig wird ihnen signalisiert, ihre Ausbildung entspreche nicht deutschen Standards. Wie lässt sich dieses Spannungsfeld aus Ihrer Sicht sinnvoll gestalten?
Christine Vogler: Viele internationale Pflegefachpersonen arbeiten in Deutschland bis zur Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse zunächst unterhalb ihres Qualifikationsniveaus. Das erschwert Integration und führt zu Frustration. Der Deutsche Pflegerat fordert daher die gesetzliche Verankerung einer Kompetenzvermutung. Anerkennungsverfahren müssen schneller, transparenter und kompetenzorientierter werden, ohne Abstriche bei Qualität und Versorgungssicherheit.
PZ: Internationale Gesundheitsfachkräfte berichten von Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen im Berufsalltag. Welche Maßnahmen halten Sie für geeignet, um diese Menschen sowohl vor Rassismuserfahrungen von Seiten des Teams als auch im Kontakt mit Patientinnen, Patienten und Angehörigen wirksam zu schützen?
Christine Vogler: Internationale Pflegefachpersonen müssen wirksam vor Diskriminierung und Rassismus geschützt werden – im Team ebenso wie im Kontakt mit Patienten, Patientinnen, Pflegebedürftigen sowie An- und Zugehörigen. Einrichtungen brauchen verbindliche Antidiskriminierungskonzepte, klare Beschwerdewege und Führungskräfte, die Verantwortung übernehmen und diskriminierendes Verhalten konsequent unterbinden. Schutz darf nicht an der Teamgrenze enden: Auch gegenüber Patienten, Patientinnen, Pflegebedürftigen und An- und Zugehörigen muss klar sein, dass rassistische Äußerungen und Herabwürdigungen nicht akzeptiert werden. Ergänzend braucht es verpflichtende Schulungen zu Diversity und interkultureller Kompetenz sowie begleitende Unterstützungsangebote wie Mentoring und Ansprechstellen. Nur in einem strukturell geschützten Umfeld können internationale Fachkräfte wirksam arbeiten, sich integrieren und ihre Kompetenzen zum Nutzen der Versorgung einbringen.
PZ: In der Absichtserklärung ist von einer Verkürzung der Anerkennungszeit die Rede. In welchem Umfang halten Sie diese für fachlich und organisatorisch vertretbar?
Christine Vogler: Eine Verkürzung der Anerkennungszeit ist fachlich und organisatorisch vertretbar, wenn sie kompetenzorientiert und qualitätsgesichert erfolgt. Der Deutsche Pflegerat setzt sich dafür ein, die Anerkennung internationaler Pflegefachpersonen auf Grundlage einer gesetzlichen Kompetenzvermutung zu beschleunigen. Die Gleichwertigkeit einer ausländischen Pflegeausbildung soll grundsätzlich als gegeben gelten, wenn eine mindestens dreijährige Ausbildung oder ein primärqualifizierendes Studium sowie eine Berufszulassung im Herkunftsland vorliegen. Festgestellte Unterschiede werden im Anerkennungsverfahren in einem Defizitbescheid transparent benannt und innerhalb von zwei Jahren gezielt ausgeglichen. Während dieser Zeit soll eine vorläufige Berufserlaubnis zur Tätigkeit als Pflegefachperson unter Auflagen erteilt werden. So lassen sich Verfahren straffen, ohne Qualität, Versorgungssicherheit oder fachliche Verantwortung zu gefährden. Zugleich ist dies ein Signal für eine moderne und verantwortungsvolle Anerkennungskultur.