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Ästhetizismus
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Rebellion gegen Akademisierung des Stils

Der Schriftsteller Oscar Wilde und der Architekt Edward W. Godwin bündelten ihr Wissen als Universalgelehrte – und stiegen im 19. Jahrhundert zu Stilikonen des Ästhetizismus auf. Ihr Geschmack prägte ganz Europa.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 07.04.2026  12:00 Uhr

Die Freundschaft zwischen dem Schriftsteller Oscar Wilde und dem Architekten und Designer Edward W. Godwin löste das sogenannte Aesthetic Movement aus. Die Bewegung wollte das gesamte Leben in ein Kunstwerk verwandeln – vom Lebensstil über Kleidung und Sprache bis zur Einrichtung.

Ihre Vertreter griffen bewusst auch auf nicht europäische Kunststile und Schönheitsideale zurück, die oft reduzierter und weniger realistisch wirkten. Damit rebellierten sie gegen den Prunk und die Überladung der viktorianischen Zeit. Wildes Roman »Das Bildnis des Dorian Gray« galt als Bibel des Ästhetizismus. Und der Schriftsteller – selbst inzwischen ein Dandy – prägte als eine Art Influencer den Geschmack in ganz Europa.

Der Welthandel des British Empire, das im 19. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte, öffnete Europa für Kunst- und Luxusgüter aus fernen Ländern. Großbritannien nutzte diese Entwicklung und wollte die Kontrolle über neue Absatzmärkte erlangen. Die Idee war simpel: Wenn man koloniale Stile nur gut genug kopierte, würden Käuferinnen und Käufer ihre Produkte künftig vornehmlich in Großbritannien erwerben. Dafür brauchte man einen Katalog, der Formen, Farben und Regeln dieser Stile definierte. So entstand die Mustersammlung »The Grammar of Ornament«, mit der man Kunst wissenschaftlich ordnen und zugleich seine kulturelle Überlegenheit sichern wollte.

Porzellan als Kultobjekt

Die Vertreter des Aesthetic Movement stellten sich dieser Rationalisierung bewusst entgegen. Unter anderem Godwin forderte »Art for Art’s Sake« und suchte Inspiration in japanischen Farbholzschnitten, antiker und frühgotischer Architektur, archäologischen Funden, Shakespeare, Industrie und Wissenschaft.

Ihren avantgardistischen Geschmack zeigten sie unter anderem mit blau-weißem Porzellan. Die chinesische Keramik verkörperte für sie wahre Schönheit. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwarfen Designer eigens Sideboards und Vitrinen, um Vasen, Krüge und Teller als Kunstobjekte im Wohnraum zu inszenieren.

Wildes Wohnung in der Londoner Tite Street markiert den Höhepunkt des Aesthetic Movement. Darin verzichtete er etwa auf Tapete und setzte stattdessen auf monochrome Farbflächen – ein völliger zu Bruch viktorianischen Einrichtungsvorstellungen.

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