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BMC-Kongress
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Primärversorgung: Lotsenfunktion von Apotheken

Die Apotheker- und Ärzteschaft diskutierte auf dem BMC-Kongress in Berlin über ein neues Primärversorgungsmodell. ABDA-Vizepräsidentin Ina Lucas betonte, dass Apotheken in diesem System mitgedacht werden müssten. »Patientenzentrierung und -orientierung« müsse im Mittelpunkt stehen.
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 28.01.2026  11:30 Uhr

Entlastung von Hausarztpraxen

Christoph Schwerdt vom Ärztenetz »Genial« in Lingen (Ems) beschrieb, wie Versorgung in seiner Region organisiert wird. Mit dem Projekt »EmslandCare« in acht Kommunen erhielten Ratsuchende Unterstützung bei Fragen zu psychosozialen Belastungen, Pflege, Demenz oder ähnlichen Themen, niedrigschwellig und wohnortnah. Damit sollen Hausarztpraxen entlastet werden. Die Anlaufstelle schaffe Orientierung, biete Zeit für Gespräche schaffe und koordiniere Hilfen, gleichzeitig würden ärztliche Ressourcen geschont. 

Prävention dürfe in einem Primärversorgungsmodell nicht vergessen werden und die Politik müsse immer mit einbezogen werden – der Dialog müsse gehalten werden. Schwerdt plädierte dafür, den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) der Ärzteschaft abzuschaffen: »Weil wir einfach zu viele Funktionäre haben, die um ihre Bereiche fürchten und ihre Einflussmöglichkeiten.«

Neue Rollenverteilung zwischen Gesundheitsberufen

Professor Mark Dominik Alscher vom Bosch Health Campus ging auf das Gesundheitswesen von morgen ein. Zunächst bekräftigte er, dass er froh über die Grippeimpfungen in Apotheken sei: »Wir haben viermal mehr Grippefälle und das ist ein ganz großes Problem. Unsere Notaufnahmen schaffen es nicht mehr«, sagte er.

Alscher skizzierte mit den »Port-Gesundheitszentren« eine Art Primärversorgungssystem, das es schon seit 2019 gibt. »Wir müssen in die Lebenswelten der Menschen und das Thema Gesundheitserhaltung neu denken, und da braucht man entsprechende Strukturen. Das funktioniert im Port-Zentrum«, erklärte er. Es gibt bundesweit 14 Zentren, unter anderem im ländlichen Raum in Brandenburg, auf der Schwäbischen Alb, aber auch in Berlin-Kreuzberg, Hamburg und Stuttgart. Ein Team von Ärzten, Therapeuten, Sozialarbeitern und medizinischen wie pflegerischen Fachkräften arbeitet dort interdisziplinär zusammen und kümmert sich sowohl um die Versorgung im Akutfall als auch um die langfristige Begleitung bei allen gesundheitlichen Bedarfslagen.

Beim Thema Primärversorgung müsse die Politik Menschen, wenn sie krank werden, Angebote formulieren, so Alscher. »Das Netz wird löchrig und die Menschen haben den Eindruck, sie werden alleingelassen. Und das ist nicht gut, auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt«, sagte er. Es brauche zudem eine neue Rollenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen und man müsse sich mehr darauf konzentrieren, wie Menschen gesund bleiben können. Zudem müssten die Chancen der Digitalisierung besser genutzt werden. »Wir werden nicht die Revolution sehen, nicht die dicken Bretter – wenn, dann werden wir Schritte sehen, evolutionäre Schritte«, prophezeite Alscher.

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